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Was ist wahrer Fortschritt?

Fortschrittliches Fallbeil       Foto © Colin Beavan

Aufgrund meiner Haltung zu Konsumfragen wird mir oft vorgeworfen, ich sei gegen den Fortschritt. Das ist interessant für mich, da ich sehr für den Fortschritt bin. Ich wünsche mir Fortschritt so sehr. Es ist nur so, dass ich mir nicht so sicher bin, ob die gesellschaftlich akzeptierte Definition von Fortschritt die richtige ist. Den gleichen Weg einzuschlagen, den wir die vergangenen 100 Jahre gegangen sind, scheint mir kein Fortschritt zu sein. Das ist eher mehr vom Gleichen. Handys, auf denen man noch besser Fernsehen schauen kann, scheinen mir mehr vom Gleichen zu sein. Verlässlich gutes Trinkwasser bereitzustellen für die Milliarde von Menschen auf dieser Erde, die keines haben – na, das sieht doch nach Fortschritt aus.

Wie auch immer, es gibt ein Buch von Tolstoi, eines von dreien, die Gandhi und Martin Luther King sehr inspiriert haben.

Das Buch, Meine Beichte, ist Tolstois autobiografische Beschreibung einer Sinnkrise, die er in der Mitte seines Lebens erlebte, sein Nachsinnen über den Freitod und letztlich die konstruktive Auflösung der destruktiven Verstrickungen.
Ich fand es spannend, dass Tolstoi in diesem Buch selbst Fortschritt in Frage stellt. Tatsächlich betrachtet er "Fortschritt" als eine Art von Religion der die Menschen blind vertrauen, da sie zu sehr fürchten, es mit den größeren Fragen des Lebens aufzunehmen. Er geht davon aus, dass wir uns dem sogenannten Fortschritt widmen, da wir nicht wissen, in welchen Dienst wir unsere Leben wirklich und wahrhaftig stellen könnten.
Er beschreibt seine Gedanken am Beispiel der Guillotine, die zu jener Zeit als fortschrittlichstes Gerät galt, da sie Exekutionen ohne die mölgicherweise quälenden Fehlschläge der Axt des Scharfrichters ausführt. Tolstoi schreibt:

Der Aufenthalt in Europa und mein Verkehr mit hervorragenden und gelehrten Männern europäischer Bildung bestärkte mich noch mehr in meinem Glauben an die allgemeine Vervollkommnung, in dem ich gelebt hatte; denn ich fand denselben Glauben auch bei ihnen. Dieser Glaube nahm bei mir die gewohnte Form an, die er bei der Mehrzahl der Gebildeten unserer Zeit hat. Er wurde durch das Wort "Fortschritt" bezeichnet. Damals meinte ich, es sei mit diesem Wort etwas gesagt. Ich hatte damals noch nicht begriffen, daß ich, der wie jeder lebendige Mensch, bedrängt von den Fragen, wie ich besser lebe, mit der Antwort: Lebe dem Fortschritt gemäß! – ganz so antwortete, wie ein Mensch, der in einem Kahn sitzt und von Wellen und Wind getrieben wird, auf die wichtigste, für ihn einzige Frage: Wohin steuern? ohne auf die Frage zu antworten, sagen würde: Es führt uns irgendwohin.
Damals merkte ich das nicht. Von Zeit zu Zeit empörte sich – nicht die Vernunft, sondern die Empfindung gegen diesen in unserer Zeit allgemein verbreiteten Aberglauben, durch den die Menschen die mangelnde Kenntnis des Lebens sich selbst verschleiern. So enthüllte mir, während meines Aufenthaltes in Paris, der Anblick einer Hinrichtung die Hinfälligkeit meines Fortschritt-Aberglaubens. Als ich sah, wie das Haupt sich vom Rumpf trennte, und wie eines nach dem anderen auf den Boden der Kiste aufschlug, begriff ich, nicht mit dem Verstand, sondern mit meinem ganzen Wesen, daß keinerlei Theorie von der Vernünftigkeit des Seienden und des Fortschritts dieses Verbrechen rechtfertigen könne, und daß ich, wenn auch alle Menschen in der Welt, gleichviel nach welchen Theorien, von Erschaffung der Welt an gerechnet, je gefunden hätten: Dies sei notwendig – daß ich weiß: Es ist nicht notwendig, es ist schlecht. Und der Richter über das, was gut und notwendig ist, sind nicht die Worte und die Taten der Menschen, auch nicht der Fortschritt, sondern ich mit meinem Herzen.
Ein zweiter Fall, der mir die Unzulänglichkeit des Fortschritt-Aberglaubens für unser Leben zum Bewußtsein brachte, war der Tod meines Bruders. Er war ein guter, kluger, ernst strebender Mensch. Er erkrankte in jungen Jahren, litt über ein Jahr und starb in Qualen, ohne je begriffen zu haben, warum er gelebt, und noch weniger, warum er sterbe. Keine Theorie konnte ihm oder mir während seines langsamen und qualvollen Siechtums auf diese Frage eine Antwort geben.
Aber das waren nur zerstreute Fälle von Zweifeln. Im Grunde setzte ich das alte Leben fort und bekannte mich stets zu dem Glauben an den Fortschritt.

Am meisten liebe ich diese Zeile: "Und der Richter über das, was gut und notwendig ist, sind nicht die Worte und die Taten der Menschen, auch nicht der Fortschritt, sondern ich mit meinem Herzen." In anderen Worten, es ist nicht die technische Entwicklung, die Fortschritt definiert.
Es sind unsere Herzen. Und wir.

Und so frage ich mich erneut: Was ist wahrer Fortschritt?

Dieser Artikel stammt von Colin Beavan, er wurde erstmals auf seiner ehemaligenWebsite »No Impact Man« unter dem Titel »What is true progress?« veröffentlicht. Übersetzung: Dirk Henn.