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Innere Umwelt

Versuch einer ökologischen Spiritualität

Selbst drei Prozent Wirtschaftswachstum werden allmählich fad, das wahre Fieber verlagert sich auf die Börsen und ins Internet, dort liegt die Zukunft und der Profit. Doch während wir gebannt auf den Bildschirm starren, entgeht uns nicht nur, was „draußen“ vor sich geht, sondern auch, was sich in uns drinnen abspielt.

Schade, weil: Umweltschutz beginnt im Herzen. Vorausgesetzt, Gott sitzt drinnen. Das haben wir sehr lange gehört, aber kaum verstanden. Denn Gott wohnte der Landmeinung zufolge im Himmel. Diese Auslagerung hat uns nicht nur unserer Göttlichkeit beraubt, sondern auch ein physisch-hierarchisches Autoritätsverständnis zementiert: „Er“, der Allmächtige, dort „oben“.

Wenn wir nun Gott nicht länger als kreative Person im Dachatelier begreifen, sondern als allen Erscheinungen immanentes Schöpfungsprinzip, dann bedeutet dies, dass Gott in jedem und jeder von uns wohnt, in allen Wesen und Dingen – Gott ist dann überall. Das geht als Prinzip oder Geist leichter denn als Person, weil da müsste Er sich vielteilen.

Diese Sicht ändert einiges: Zum Beispiel findet die Gottsuche nicht außen, sondern innen statt. Gott „von Angesicht zu Angesicht“ schauen bedeutet dann, sich selbst zu erkennen, wie es die moderne Psychologie als verlässlichsten Weg zu Glück und Zufriedenheit empfiehlt. Carl Gustav Jung etwa meinte: „Der Sinn des Lebens ist, so zu werden, wie wir sind.“ Auch Ödön von Horwaths Bonmot: „Eigentlich bin ich ganz wer anderer, nur komme ich nie dazu“, spielt auf eine unterlassene Gottsuche in diesem Sinn an. Gott zu finden bedeutet demnach, sein natürliches Potential als Mensch zu erkennen und zu entfalten und es nicht, wie das so oft der Fall ist, durch unnötige Schranken zu behindern: Durch Verdrängungen in der emotionalen Entwicklung; durch Vernachlässigung in der leiblichen Entwicklung; durch ein Übergewicht des Intellekts in der geistigen Entwicklung. Zu letzterer gehört eine stille, aber wache Verbindung zu allen Mitwesen, ein gewisses „Online-Gehen“ in der einzig wirklich immateriellen Kommunikation.

Um diese Kommunikation soll es hier gehen. Gehen wir „online“, nehmen wir intuitiv Kontakt mit dem Vogel, dem Fels oder der Eiche auf, es findet so etwas wie eine gegenseitige Bestärkung statt, man kann es auch Liebe nennen, die aus der gegenseitigen Wahrnehmung, gegenseitigen Achtung und dem wechselseitigen Sich-Erfreuen am jeweils anderen erwächst: Das Energie-Niveau aller Beteiligten steigt an. (Eine Eiche kann auch als Heizressource oder gar als Weghindernis für die „freie Fahrt“ betrachtet werden.) Geht man noch einen Schritt weiter, kann man das Ansteigen des Energie-Levels als „Ernährung“ ansehen, zumindest in dem Sinne, dass unser Bedürfnis nach „Erleben“ und Ästhetik, aber auch nach sozialem Austausch in Form der beschriebenen Kommunikation gestillt wird.
Dann gesellt sich zur „Liebe“ Dankbarkeit und – zwangsläufig – eine Art Tötungshemmung gegenüber dem Kommunikationspartner Eiche, Fels oder Vogel. Weiter gefasst: gegenüber der Natur, dem Planeten, der Lebens- und Ökosphäre.
Das heißt nun nicht, dass wir nichts mehr essen und verändern dürfen, aber das buddhistische Prinzip von der „geringst möglichen Spur“, die wir hinterlassen sollen, ist hier sicher ein Wegweiser, der als „geringst mögliche Eingriffstiefe“ bereits in die Nachhaltigkeitsdiskussion Eingang gefunden hat.

Zurück zum Herzen: Wenn Gott nicht im Himmel haust, sondern im eigenen Sonnengeflecht, erfährt auch der Begriff des Gehorsams eine Umkehrung: Gehorsam ist dann nicht, wer von außen kommende Gebote oder Verbote, die der jeweils zuständigen Gottheit unterstellt werden, befolgt - und in Gottes Nachfolge die Gebote der Eltern, Lehrer und restlichen Autoritäten -, sondern die Anweisungen des eigenen Herzens.

Was heißt das? In uns drin ist es alles andere als stumm. Die innere Stimme ist überaus gesprächig, wenn wir ihr bloß unser Ohr leihen. Genau das ist in unserer außenorientierten Sozialisation nicht üblich. Wer sich selbst vertraut, weiß es aber: Die innere Stimme ist nicht nur bei konzentriertem Horchen deutlich vernehmbar, sondern auch sehr, sehr weise und hat auf jede Lebensfrage eine Antwort. Die reichste aller Informationsquellen befindet sich – auch im Zeitalter des Internet – als „lokale Ressource“ in uns selbst. Vorausgesetzt, wir verstehen aus ihr zu schöpfen, indem wir auf sie hören, durch Gehorsam. Die innere Stimme kann auch in Bildern sprechen. Das macht die Kommunikation nicht nur (zeit)ressourceneffizienter, sondern auch anschaulicher. Und anstelle eines dritten Ohrs braucht es dann ein drittes Auge: das göttliche (mit dem Gott sich selbst schaut).

Den Satz „Du sollst dir kein Bild von Gott machen“ habe ich bisher nicht verstanden, jetzt macht er plötzlich Sinn: Wir sollen uns kein vom moralischen Verstand vorgefertigtes Bild von uns selbst machen, das meistens ohnehin nur den Erwartungen derer entspricht, deren Aufmerksamkeit wir auf uns ziehen wollen – sondern darauf hören, was die innere Stimme sagt [auf Gott]. Das Problem: Sie sagt gar oft, was wir partout nicht hören wollen: die göttliche Wahrheit. Deshalb hört ihr kaum jemand zu. Und so verlieren wir unsere Göttlichkeit. „Mut“ bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, an dehnbaren Seilen von hohen Türmen zu springen, sondern nach den Eingaben unserer inneren Stimme zu handeln und auf diese Weise göttlich zu werden.

Die innere Stimme wird nie sagen: ‘Baue eine Autobahn! Errichte ein Kernkraftwerk! Bereinige die Fluren! Rode den Regenwald!’ Ganz im Gegenteil, sie wird bei jeder Schneise, die in Mutters Haar geschlagen, bei jedem Schnitt in Mutters Haut und bei jeder Rauchgaswolke, die in Mutters Lungen gepumpt wird, schmerzvoll aufschreien, als wäre es der eigene Leib. In diesem Sinn wird Umweltschutz zur Selbstverteidigung und Umweltzerstörung zur Selbstzerstörung. Und deshalb sagt Joanna Macy auch: In Anbetracht der globalen Umweltzerstörung ist Weinen und Trauern völlig o.k., wir haben allen Anlass dazu.

Wer’s nicht glauben will, dass ein baumgereifter Apfel besser nährt als die eingeflogene Kiwi, dass es sich auf einer Küchenanrichte aus Massivholz sinnlicher kocht als auf Plastik, dass im Tanzen und Spielen höhergradige Mobilitätserfahrungen schlummern als im „Automobil“ oder dass ein Garten der bessere Arbeitsplatz ist als das (künstlich beleuchtete und belüftete) Büro, der/die probiere es aus. Zwar braucht der Entzug von der Industriegesellschaft wie jeder Entzug seine Zeit, kennt seine Rückfälle, aber sobald wir Gott einmal auf der Spur sind, kommt er umso gewisser. Nur ein Weg führt nicht zu Gott: Gehorsam nach außen. Wer einen nachhaltigen Lebensstil in Rücksicht auf die gesellschaftliche Moral wählt und das heißt: ein äußerliches Gebot befolgt, um von anderen geschätzt zu werden, wird scheitern – denn nur die innere Stimme zählt. Und so verwechselbar sie anfangs mit einer verinnerlichten äußeren Stimme ist, bei aufmerksamem Horchen fällt die Unterscheidung bald nicht schwerer als die zwischen einer Fichte und einer Tanne.

Dieser Artikel ist eine stark gekürzte Version des Originaltextes, den Christian Felber auf seiner Website bereithält. Christian Felber ist Mitgründer von Attac Österreich und Autor diverser Bücher, unter anderem 50 Vorschläge für eine gerechtere Welt und Neue Werte für die Wirtschaft.