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Buddhistische Wirtschaftslehre

Worum geht es in unserem Wirtschaften, in unserer Arbeit, in unserem Konsum von Dingen?
Vor 37 Jahren erschien ein überaus prägender Aufsatz, der bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Ich freue mich, ihn euch heute in gekürzter Form vorstellen zu können. Nehmt euch die Zeit, ihn zu lesen. Es lohnt sich!

Es besteht wohl allgemeine Übereinstimmung darüber, daß die menschliche Arbeit eine grundlegende Quelle des Wohlstandes ist. Der moderne Wirtschaftswissenschaftler hat jedoch gelernt, in „Arbeit“ nicht viel mehr als ein notwendiges Übel zu sehen. Vom Standpunkt des Arbeitgebers aus ist sie auf jeden Fall einfach ein Kostenfaktor, der auf ein Minimum zu verringern ist, wenn er sich nicht, beispielsweise durch Automation, völlig ausschalten läßt. Vom Standpunkt des Arbeiters aus ist sie eine „Last“ – arbeiten heißt ein Opfer an Muße und Bequemlichkeit bringen.

Dabei stellt der Lohn eine Art Entschädigung für dies Opfer dar. Somit ist das Ideal vom Standpunkt des Arbeitgebers aus gesehen eine Produktion ohne Arbeitnehmer und vom Standpunkt des Arbeitnehmers aus gesehen ein Einkommen ohne Arbeitstätigkeit. [...]

Vom buddhistischen Standpunkt aus gesehen, erfüllt Arbeit mindestens drei Aufgaben: sie gibt dem Menschen die Möglichkeit, seine Fähigkeiten zu nutzen und zu entwickeln. Sie hilft ihm, aus seiner Ichbezogenheit herauszutreten, indem sie ihn mit anderen Menschen in einer gemeinsamen Aufgabe verbindet, und sie erzeugt die Güter und Dienstleistungen, die für ein menschenwürdiges Dasein erforderlich sind. Wiederum sind die Folgerungen nicht abzusehen, die sich aus dieser Sicht ergeben. Arbeit so zu organisieren, daß sie für den Arbeiter sinnlos, langweilig, verdummend oder nervenaufreibend ist, wäre ein Verbrechen. Aus einer solchen Haltung ginge hervor, Güter seien wichtiger als Menschen. Das aber entspräche einem erschreckenden Mangel an Mitgefühl und der wesenzerstörenden Hinnahme eines Lebens auf der primitivsten Stufe der Existenz. Wollte man nach Muße als einer Alternative zur Arbeit streben, würde das ebenfalls als völliges Mißverständnis einer der Grundwahrheiten menschlichen Seins angesehen, daß nämlich Arbeit und Muße einander ergänzende Teile desselben Lebensvorgangs sind und nicht getrennt werden können, ohne daß Arbeitsfreude und der Segen der Muße zerstört werden.

Daher gibt es vom buddhistischen Standpunkt aus zwei Arten der Mechanisierung, die deutlich zu unterscheiden sind: eine, die das Geschick und die Kraft des Menschen steigert, und eine, die die Arbeit eines Menschen einem mechanischen Sklaven überträgt, wobei der Mensch dem Sklaven zu dienen hat. Wie läßt sich die eine von der anderen unterscheiden? „Der Handwerker“ sagt Ananda Coomaraswamy, ein Mann, der gleichermaßen befugt ist, über den modernen Westen wie den alten Osten zu sprechen, „kann stets selbst die feine Unterscheidung zwischen Maschine und Werkzeug machen, wenn man ihm das gestattet. Der Handwebstuhl ist ein Werkzeug, eine Vorrichtung, die die Kettfäden spannt, so daß die Finger des Handwerkers die Schußfäden um sie herumweben können. Der mechanische Webstuhl hingegen ist eine Maschine, und ihre Bedeutung als Zerstörerin der Kultur liegt darin, daß sie den zutiefst menschlichen Teil der Arbeit verrichtet.“ Mithin ist klar, daß eine buddhistische Wirtschaftslehre sich von der des modernen Materialismus stark unterscheiden muß, da sich nach den Buddhisten das Wesen der Kultur nicht in einer Vervielfachung von Bedürfnissen findet, sondern in der Läuterung des menschlichen Wesens.
Das Wesen aber wird zugleich vor allem durch die Arbeit des Menschen gestaltet. Bei einer sinnvoll unter Bedingungen von Menschenwürde und Freiheit getanen Arbeit ruht Segen auf denen, die sie tun und auf ihren Erzeugnissen. Der indische Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler J. C. Kumarappa faßt das so zusammen: „Wenn die Natur der Arbeit richtig eingeschätzt und angewandt wird, steht sie in derselben Beziehung zu den höheren Fähigkeiten des Menschen wie die Nahrung zum Leib. Sie nährt und belebt den höheren Menschen und drängt ihn, das Beste hervorzubringen, dessen er fähig ist. Sie gibt seinem freien Willen die angemessene Richtung und lenkt das Tier in ihm auf den richtigen Weg. Sie liefert einen ausgezeichneten Hintergrund, auf dem der Mensch seine Wertordnung zeigen und seine Persönlichkeit entwickeln kann.“

Ein Mensch ohne Aussicht auf Arbeit ist in einer verzweifelten Lage. Nicht nur weil er kein Einkommen hat, sondern weil ihm der durch nichts zu ersetzende nährende und belebende Faktor disziplinierender Arbeit fehlt. Ein moderner Wirtschaftswissenschaftler kann sich in kunstvollen Spekulationen darüber ergehen, ob Vollbeschäftigung sich „auszahlt“ oder ob es „wirtschaftlich“ wäre, eine Volkswirtschaft unterhalb der Vollbeschäftigungsschwelle zu halten, so daß eine größere Beweglichkeit der Arbeitskräfte, stabilere Löhne und so weiter gesichert sind. Sein grundlegender Erfolgsmaßstab ist die Gesamtmenge an Gütern, die in einem bestimmten Zeitraum hervorgebracht wird. „Wenn der Grenzbedarf an Gütern gering ist“, sagt Galbraith in Gesellschaft im Überfluß, „dann ist es auch nicht unbedingt nötig, den letzten Menschen oder die letzte Million Menschen aus dem Arbeitskräftereservoir heranzuziehen.“ Und weiter: „Wenn … wir uns im Interesse der Stabilität ein gewisses Maß an Arbeitslosigkeit leisten können - und das ist, nebenbei gesagt, eine Vorstellung mit untadelig konservativer Vergangenheit -, dann können wir auch den Arbeitslosen die Güter geben, mit denen sie ihren gewohnten Lebensstandard aufrechtzuerhalten vermögen“.

Vom buddhistischen Standpunkt aus wird damit die Wahrheit auf den Kopf gestellt, weil Güter für wichtiger als Mensehen und Konsum für wichtiger als schöpferisches Tun gehalten werden. Damit wird der Schwerpunkt vom Arbeiter auf das Ergebnis der Arbeit verlagert, das heißt vom Menschlichen zum Untermenschlichen. Das aber ist gleichbedeutend mit dem Eingeständnis der Niederlage gegenüber menschenverneinenden Kräften. Schon am Anfang einer buddhistischen Wirtschaftsplanung stünde der Wunsch nach Vollbeschäftigung. Ihr Hauptziel wäre Beschäftigung für jeden, der eine Stellung „draußen“ braucht. […]

Während es dem Materialisten in erster Linie um Güter geht, geht es dem Buddhisten hauptsächlich um Befreiung. Aber Buddhismus ist „der Mittlere Weg“, daher ist er in keiner Weise körperlichem Wohlbefinden gegenüber feindlich eingestellt. Nicht Reichtum steht der Befreiung im Wege, sondern die Bindung an ihn, nicht die Freude an angenehmen Dingen, sondern das Verlangen nach ihnen.

Der Grundgedanke buddhistischer Wirtschaftslehre heißt daher Einfachheit und Gewaltlosigkeit. Vom Standpunkt eines Wirtschaftswissenschaftlers aus gesehen, liegt das Wunder der buddhistischen Lebensweise in der äußersten Vernunftbezogenheit ihres Musters – erstaunlich geringe Mittel führen zu überaus zufriedenstellenden Ergebnissen.

Das ist für den modernen Wirtschaftswissenschaftler nur schwer verständlich. Er ist daran gewöhnt, den „Lebensstandard“ an der Menge des jährlichen Verbrauchs zu messen, wobei ständig angenommen wird, daß es jemandem, der mehr verbraucht, „besser geht“ als jemandem, der weniger verbraucht. Ein buddhistischer Wirtschaftswissenschaftler würde diese Betrachtungsweise als äußerst unvernünftig ansehen.

Da Verbrauch nichts anderes ist als ein Mittel zum Wohlbefinden des Menschen, müßte das Ziel das Erreichen eines Höchstmaßes an Wohlbefinden mit einem Mindestmaß an Verbrauch sein. Wenn also der Zweck der Kleidung ein gewisser Schutz vor dem Wetter und ein anziehendes Äußeres ist, besteht die Aufgabe darin, diesen Zweck mit dem geringstmöglichen Aufwand zu erreichen, das heißt mit der kleinsten jährlichen Zerstörung von Stoff und mit Hilfe von Entwürfen, die den geringstmöglichen Arbeitsaufwand bedingen. Je weniger Mühe aufgewendet wird, desto mehr Kraft bleibt für künstlerisches Schöpfertum. Es wäre beispielsweise überaus unwirtschaftlich, komplizierte Schneiderarbeit vorzusehen, wie im modernen Westen, wenn durch die geschickte Drapierung nicht zugeschnittenen Stoffs eine weit schönere Wirkung zu erzielen ist. Der Gipfel der Dummheit wäre es, Kleiderstoff so herzustellen, daß er rasch verschleißt, und ein Verbrechen, etwas Häßliches, Unansehnliches oder Dürftiges herzustellen. Was über Kleidung gesagt wurde, gilt gleichermaßen für alle anderen menschlichen Bedürfnisse. Der Besitz und der Verbrauch von Gütern sind Mittel zu einem Ziel, und die buddhistische Wirtschaftslehre ist die systematische Untersuchung darüber, wie man diese vorgegebenen Ziele mit den geringsten Mitteln erreichen kann. […]

Einfachheit und Gewaltlosigkeit stehen offenkundig in enger Beziehung. Das günstigste Verbrauchsmuster, das mit Hilfe einer vergleichsweise geringen Verbrauchsmenge ein hohes Maß an menschlicher Zufriedenheit erzeugt, gestattet es den Menschen, ohne großen Druck und große Spannung zu leben und die grundlegendste Forderung der buddhistischen Lehre zu erfüllen: „Tue nichts Böses mehr, versuche Gutes zu tun.“ Da die materiellen Quellen überall begrenzt sind, ist es weit weniger wahrscheinlich, daß Menschen, die ihre Bedürfnisse mit Hilfe eines bescheidenen Einsatzes dieser Quellen befriedigen, sich gegenseitig an die Gurgel fahren als Menschen, die von einem hohen Verbrauch abhängig sind. Ebenso wird sich Gewalt weit weniger in örtlichen Gemeinschaften zeigen, die in hohem Maße autark sind, als dort, wo die Existenz der Menschen auf einem weltweiten Handelssystem beruht.

Vom Standpunkt der buddhistischen Wirtschaftslehre her ist also die Produktion aus am Ort verfügbaren Mitteln für am Ort entstehende Bedürfnisse die vernünftigste Art des Wirtschaftslebens, während Abhängigkeit von Einfuhren, die von weither kommen, und die sich daraus ergebende Notwendigkeit, für die Ausfuhr an unbekannte und weit entfernt lebende Völker zu produzieren, in hohem Maße unwirtschaftlich und nur in Sonderfällen und in kleinem Rahmen zu rechtfertigen ist. Ebenso wie der moderne Wirtschaftswissenschaftler zugeben würde, daß ein großer Bedarf an Verkehrs-Dienstleistungen zwischen der Wohnung und dem Arbeitsplatz eines Menschen bedauerlich und nicht Zeichen eines hohen Lebensstandards ist, wäre der buddhistische Wirtschaftswissenschaftler der Ansicht, daß die Befriedigung menschlicher Wünsche aus weit entfernten Quellen statt aus nahegelegenen eher ein Zeichen für Versagen als für Erfolg ist. Während der Erstgenannte dazu neigt, Statistiken aufzustellen, in denen sich eine Zunahme der Tonnenkilometer pro Kopf der Bevölkerung durch das Verkehrswesen des Landes als Beweis für wirtschaftlichen Fortschritt darstellt, würde der buddhistische Wirtschaftswissenschaftler dieselbe Statistik als Anzeichen für eine äußerst unerwünschte Verschlechterung im Verbrauchsmuster ansehen.

Ein weiterer auffallender Unterschied zwischen der modernen Wirtschaftswissenschaft und der buddhistischen Wirtschaftslehre zeigt sich im Hinblick auf die Verwendung natürlicher Hilfsquellen. […] Ebenso wie moderne europäische Wirtschaftswissenschaftler es nicht für eine große wirtschaftliche Leistung hielten, wollte man alle europäischen Kunstschätze zu günstigen Preisen an Amerika verkaufen, so würde auch ein buddhistischer Wirtschaftswissenschaftler auf der Meinung bestehen, daß eine Bevölkerung schmarotzt, die ihr wirtschaftliches Leben auf nicht-erneuerbaren Brennstoffen aufbaut, die also vom Kapital statt vom Ertrag lebt. Eine solche Lebensweise kann nicht von Dauer sein und darf daher nur als vorübergehender Notbehelf gerechtfertigt werden. Da die Weltvorräte an nicht-erneuerbaren Brennstoffen - Kohle, Öl und Erdgas - äußerst ungleichmäßig über den Erdball verteilt und in ihrer Menge begrenzt sind, ist es klar, daß ihre immer raschere Ausbeutung eine Gewalttat gegen die Natur darstellt, die unvermeidlich zur Gewaltanwendung unter den Menschen führen muß.

Diese Tatsache allein müßte ausreichen, selbst solche Menschen in buddhistischen Ländern zum Nachdenken zu bringen, die sich nichts aus den religiösen und geistig-seelischen Werten ihres Erbes machen und die den glühenden Wunsch verspüren, sich möglichst rasch dem Materialismus der modernen Wirtschaftswissenschaft hinzugeben. Bevor sie die buddhistische Wirtschaftslehre als rückwärtsgewandten Traum abtun, sollten sie überlegen, ob der von der modernen Wirtschaftswissenschaft vorgezeichnete Weg sie wirklich dorthin führt, wohin sie möchten. […]

Angesichts der unmittelbaren Erfahrung und der langfristigen Auswirkungen könnte sich die Beschäftigung mit der buddhistischen Wirtschaftslehre selbst für jene empfehlen, die Wirtschaftswachstum für wichtiger als irgendwelche geistig-seelischen oder religiösen Werte halten. Es handelt sich nämlich nicht um eine Frage der Wahl zwischen „modernem Wachstum“ und „herkömmlichem Stillstand“. Es geht darum, den rechten Pfad der Entwicklung zu finden, den Mittleren Weg zwischen materialistischer Rücksichtslosigkeit und herkömmlicher Unbeweglichkeit, kurz gesagt, die „Richtige Lebensart“.

Der Artikel wurde erstmals 1973 in dem Buch "Small is Beautiful" veröffentlicht. Der hier vorliegende gekürzte Auszug des Aufsatzes entstammt der gleichnamigen deutschen Ausgabe, die bei der Stiftung Ökologie & Landbau erschienen ist. Wir danken Matthias Baerens für die freundliche Abdruckgenehmigung.