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An wahren Wirtschaftskreisläufen teilhaben

Sean Sakamoto

Sean Sakamoto       Foto © Sean Sakamoto

"Sparsamkeit kann eine Konsumgesellschaft zum Erliegen bringen, mit verheerenden Auswirkungen.“


Immer wieder lese ich, dass sparen das Schlimmste für die Wirtschaft ist. Der Artikel in der New York Times, aus dem das Eingangszitat stammt, beschreibt japanische Sparer als „totes Gewicht“. Die zugrundeliegende Annahme ist, dass wir mehr und mehr konsumieren sollten, um das Wachstum der Wirtschaft zu erhalten. Menschen produzieren Dinge, andere Menschen konsumieren diese Dinge und solange die Zahlen stetig ansteigen ist alles in Ordnung.

Einiges stört mich daran. Zum einen geht es dabei um die Bedeutung von Nachhaltigkeit.

Die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken und das Land das wir beackern ist in Folge unseres ökonomischen Wachstums mittlerweile verschmutzt und vernutzt. Wie lange soll das noch weitergehen, bis wir nach einem anderen Prinzip Ausschau halten, mit dessen Hilfe wir unsere Leben organisierend?

Zum anderen frage ich mich, was es bedeutet zu produzieren und zu konsumieren. 
Hören Sparer wirklich auf, zu konsumieren, wenn sie kein Geld ausgeben? Wenn ich, anstatt in ein Restaurant und danach ins  Kino zu gehen, mit einem Freund spreche, was ist dann eigentlich passiert? Ist der virtuose Kreise des Produzierens und Konsumierens einfach zum Erliegen gekommen? Wenn ich ein Lied für dich singe und du einfach zuhörst, produziere ich dann und du konsumierst? Um diese Frage zu beantworten, muß ich einen kleinen Exkurs über das Thema Bambus einschieben.

Vor sieben Monaten haben meine Frau und ich unser Leben in New York City hinter uns gelassen und sind in eine ländliche Region Japans gezogen. Hier leben wir nun mit unserem sechsjährigen Sohn. Wir halten nach einem alten Bauernhaus Ausschau, um dorthin umzuziehen. So könnten wir unsere eigenen Nahrungsmittel anbauen und ein einfacheres Leben führen. Das ist der alte Traum vom Landleben, ich weiß, aber wir haben einen ersten Eindruck von dem, was uns erwartet bekommen, als wir vor einem Jahr als freiwillige Helfer auf einem Hof gearbeitet haben. Es sieht ganz nach einem guten Leben aus.

Als wir in Japan ankamen, bot mir ein Mann namens „Herr Satori“ an, mir das Spielen einer Bambusflöte, der „Shakuhatchi“, beizubringen. Ich hatte kein großes Interesse an diesem Vorschlag, aber ich stimmte zu, weil es mir unsinnig schien, Gratis-Musikstunden einfach auszuschlagen. In den vergangenen sieben Monaten, habe ich das Spielen der Flöte geübt. Und ich habe herausgefunden, dass diese Bambusflöte von einigen als das schwierigste Muskinstrument in der Welt angesehen wird. Das wundert mich nicht – es frustiert, beglückt und übt die eigene Bescheidenheit.

 Es hat mich Monate gekostet, überhaupt einen Ton hervorzubringen, und die Töne die ich schlußendlich erklingen lasse, sind oft vollkommen schräg. Ich habe erfahren, dass dieses Instrument von buddhistischen Mönchen erfunden wurde, und die Konzentriertheit und Hingabe, die es braucht, nur schon einen einzigen wohlgeformten Ton zu spielen, ist eine Art der Meditation. 
Mein Lehrer ist unendlich geduldig. Er verbringt eine Stunde pro Woche mit mir. Gemeinsam gehen wir das immergleiche Lied durch, Note für Note, wieder und wieder. Ich bin ein weites Stück davon entfernt, das Stück korrekt zu spielen, oder nur nahe dran zu sein. Doch ich genieße es wirklich, und die tägliche Praxis beruhigt meinen Geist. Laut Herrn Satori wird es Jahre brauchen, bis ich dieses Lied mit einiger Leichtigkeit spielen kann.

Das bringt mich zurück zu Produktion und Konsumption. Wenn ich das Spielen dieser Flöte erlerne, und ich übe täglich, produziere ich dann irgendetwas? Falls ich jemals so gut im Spielen der Flöte wäre, dass jemand zuhören wollte: Konsumiert diese Person dann mein Produkt? Ist das Wissen, das Herr Satori weiterreicht, ein Produkt? Wenn es das wäre, ist es sicher einfach einzulagern. 

Als ich nach Japan umgezogen bin, mußte ich mich von einer Menge Dinge trennen. Bücher, CDs, Möbel, Schnickschnack, Mitbringsel, Krüge, Messer, Geschirr, Haushaltsgeräte – ich rede von einer Menge Zeug. Und das war nur das, was wir in unserer Drei-Zimmer-Wohnung unterbringen konnten. Als wir all unsere weltichen Dinge sortierten, tauchte die selbe Frage immer wieder auf: Was behalten, was wegschmeißen? Brauchen wir dieses Ding, um glücklich zu sein? Die Antwort war zumeist „Nein“.
Mußten wir all das Zeug kaufen, um andere Menschen glücklich zu machen –  die Menschen die es für genug Geld verkauft haben, sodass sie selbst Dinge kaufen konnten, die sie in ihre Wohnungen stellen? Waren das die Artefakte unserer Teilhabe an der Wirtschaft, Beweismittel, dass wir unseren Bürgerpflichten nachgekommen waren? Wenn man von totem Gewicht spricht: Es war ermüdend, sich durch diese Berge von Zeug zu arbeiten.

Ich weiß, dass wir Nahrung und ein Dach über dem Kopf brauchen. Ich liebe einen guten Film, ein gutes Buch, etwas Musik, eine schöne Schale, auf der ich Mahlzeiten anbieten kann, einen großen Tisch, an dem man sitzen kann und das hilfreiche Maschinchen, dass mir nachher hilft, das Geschirr abzuspülen. Aber bin ich weniger glücklich ohne diese Dinge? Hängt mein Glück und das Glück eines jeden anderen Menschen davon ab, dass ich all diese Dinge kaufe (und wenn ich das Geld nicht haben sollte, es auf Kredit kaufe)?

Es braucht ein Jahrzehnt um zu erlenen, wie man aus einem Stück Bambus eine gute Flöte herstellen kann. Es braucht ein Jahrzehnt, diese Flöte spielen zu können. Es kann ebensolang dauern zu lernen, wie man eine Erzählung schreibt. Und es sogar kann es ebensoviel Zeit brauchen, sie zu lesen. Einer meiner Professoren bei denen ich gelernt habe, sagte einmal dass es uns niemals gelingen kann, eine große Erzählung zu lesen. Wir können sie nur wieder und wieder lesen – „nachlesen“. Würdigung bedarf der Wiederholung. Ist das dritte Lesen eines Buches immer noch Konsum, oder sind wir an diesem Punkt bereits zu „totem Gewicht“ geworden?  

Was wäre, wenn wir anstatt so viel Zeit damit zu verbringen, neue Dinge zu erwerben, wir die Dinge bekämen, mit denen wir mehr Zeit verbringen können? Wir können Fertigkeiten entwickeln, die wir mit anderen teilen können, wir können gute Bücher wieder und wieder lesen, wir können Werkzeuge kaufen, für die es eine ganze Lebensspanne braucht, sie zu meistern. Wie wäre es, sich tiefer ins Leben zu begeben, anstatt mit einer Million verschiedener Produkte herumzudaddeln? Wie würde eine Wirtschaft wie diese ausschauen?

Ich habe so viele Annahmen über das Leben als selbstverständlich angesehen und dabei vergessen, dass es Entscheidungen waren, die ich zu dieser oder jener Zeit einmal getroffen habe. Ich habe mich entschieden, Einweg-Unterhaltung zu erwerben, meine Küche mit Schnickschnack, Tiegeln, Tellern und Töpfen für jede erdenkliche Gelegenheit vollzustopfen. Nun versuche ich mit weniger zu leben und sorge dafür, dass das, was da ist, mir mehr bedeutet. 

Ich möchte, dass der Müll, den ich hinterlasse, zurück in den Boden gelangen kann, um so die Nahrung wachsen zu lassen, die ich esse. Ich möchte weniger konsumieren und nicht Dinge produzieren, die Menschen auf Regalen stapeln oder in Kartons packen müssen, wenn sie umziehen. So wie sich unsere Wirtschaft entwickelt, mögen wir bald schon keine Wahl mehr haben. Wir werden aus weniger mehr machen müssen – warum nicht aus der Not eine Tugend machen?

Ich möchte den Menschen um mich herum von Nutzen sein, ohne einfach mehr Zeug zu kaufen oder mehr Schnickschnack herzustellen, und ich möchte, dass das in einer Ökonomie geschieht, in der Menschen, die dies tun, nicht „totes Gewicht“ genannt werden. Ich würde gerne auch den richtigen Ton auf der Bambusflöte treffen. Beides scheint unmöglich, doch die Kirschblüten stehen in voller Blüte, und wenn die ersten Strahlen der Morgensonne auf diese rosafarbenen Blüten fallen, scheint es gerade so, als ob alles möglich ist.

Dieser Artikel ist unter dem Titel »To participate in the real economy« zuerst als Gastbeitrag auf Colin Beavans ehemaliger Website »No Impact Man« erschienen. Sean Sakamoto ist Autor des ehemaligen Blogs »I'd Rather Be In Japan«. Übersetzung Dirk Henn.