Von der Sehnsucht in die Mangel genommen

52 Wege

Dirk Henn
In die Ferne schweifen

Am Fluchtpunkt       Foto © yeah.yeah/photocase

Wenn ich einen Mangel empfinde (und es gibt im Leben eine Menge Gründe, wegen derer man Mangel verspüren kann!) steigt sie in mir auf: Diese Lust, etwas zu haben, etwas zu bekommen.

Während ich auf unserem Weinberg mit dem Hund durch die Abenddämmerung gehe, leuchtet mir das rote Neonlicht des Media Marktes entgegen. Es gibt mir einen heißen Stich und meine Lust auf kleine unterhaltsame elektronische Freunde ist in mir entfacht – iPhones, iPods, Laptops, es gibt so köstliche elektronische Freuden.
Die ganze Woche plagt mich bereits zudem die Frage, nein die Gewissheit, dass ich ein neues Fahrrad brauche. Es ist nicht so, dass ich mein altes Rad derzeit noch viel nutzen würde. Doch der Gedanke, das Gefühl, ein neues Fahrrad zu haben, ist verlockend – nein, unwiderstehlich!

Es ist das gleiche Gefühl, das mich früher an vielen Abenden überkam: Eben mal den Fernseher anschalten, mal schauen ob etwas kommt. Diesen Satz muss man wirklich wörtlich nehmen: Mal schauen, ob etwas kommt – danach Ausschau halten, ob da nicht etwas zu mir kommen kann.
Da war immer diese Hoffnung, eine Botschaft zu finden – einen Hinweis auf ein besseres Leben. Die Hoffnung, in all dem bunten Treiben, in der dicht aneinandergedrängten Zusammenschau intensiver Momente und den tiefen Gefühlen der Kinowelt anknüpfen zu können, um einen Weg ins Leben zu finden.
Klingt durchgeknallt? Ich glaube nicht. Denn es ist unsere Sehnsucht, die uns treibt. Zu einem guten Schluck Whisky, und noch einem. Zu einer Flasche Bier oder zu Sex. Bier, Kino und Sex können ja wunderbar sein. Doch sie sind gefährlich, wenn wir nicht gelernt haben, sie gezielt und begrenzt zu nutzen.

Das gleiche trifft auf unseren Konsum zu. Die Berge von Krempel, die wir oftmals in tiefer seelischer Leere anhäufen, diese gigantische Konsumsucht wird für das Überleben der Menschheit von Tag zu Tag bedrohlicher. Und so wird unsere Sehnsucht nach der seligmachenden Wirkung der Dinge (sie ist nur von kurzer Dauer, aber es gibt sie) mit einem Mal zum Dreh- und Angelpunkt in der Frage nach einer zukunftsfähigen Lebensweise.

Zwar sind manche Menschen unter uns, und viele Menschen auf der Erde, durch materielle Not gezwungen, ihr Maß an Dingen mit denen sie sich umgeben zu minimieren. Doch die meisten von uns können in ihrem Leben eine Menge Zeugs ansammeln, selbst wenn ihnen nur wenig Geld zur Verfügung steht.

Unsere Souveränität im Umgang mit den Dingen und unseren Sehnsüchten, die sie uns wünschen lassen, entscheidet, ob es gelingen wird, unsere menschliche Lebensweise respektvoll und nachhaltig zu gestalten.

Es bedarf eines beträchtlichen Masses an geistiger und seelischer Schulung. Der Weg dorthin ist weit. Doch wofür sind wir schließlich auf diese Welt gekommen? Um genau diese Aufgabe zu meistern. Um zu wahrhaft reifen Menschen zu werden.

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Herausgeber: Dirk Henn, Zechenweg 4, 79111 Freiburg, info@52wege.de, http://www.52wege.de

Sehn sucht;

sehnsucht ist auch eine Sucht und wer unter Sucht leidet, der sucht - der sucht sich selber - seine Seele - und wer seine Seele gefunden hat, der hat alles gefunden!!! der sucht (Sucht) nicht mehr und hat auch keinen Mangel... - es ist sooo gut, was du Dirk schreibst - ja, wir sollen von "innen" nach aussen leben... es ist immer die Sehnsucht nach mir selber...

verzicht

Hejho,

ist ja wohl unglaublich.

Wie schizophren ist das eigentlich? Wasser predigen und Wein trinken!

Warum sollte ich denn auf die Errungenschaften der Technik verzichten? Warum benutzt du denn einen Computer, der genausomit Atomstrom betrieben wird, und gehst nicht Atommeiler bombardieren?

Warum sollte ich als Privatperson meinen (Strom-)Verbrauch einschränken, wenn die Arschlöcher in der Industrie 97% der (Strom-)Energie verbrauchen?

Fang da mal mit an!

Die alten Feindbilder verblassen langsam

Lieber Max,

"die Arschlöcher in der Industrie" haben ja nur zu tun, weil wir ihre Produkte kaufen. So einfach ist das heute nicht mehr, auf "die da oben" oder "die da drüben" zu schimpfen.
Dass du deine Ansicht mit Phantasiezahlen belegst, macht sie nicht glaubhafter. 28% des Endenergieverbrauchs wurde 2006 von der Industrie verursacht, 30% werden für den Verkehr benötigt, 26% für die Haushalte und 16% für Gewerbe, Handel und Dienstleistungen. Die Zahlen stammen von der AG Energiebilanzen, ein Verein der Energiewirtschaft. Es ist also hier kaum industriefeindlicher Zahlenzauber im Spiel

Haushalte und ein guter Teil des Verkehrs - das sind wir. Der Ressourcen- und Energiebedarf der Privathaushalte wächst seit Jahrzehnten stetig. Wir und "die Industrie" sind wie mit einem feinen Netz verbunden, diesen Zusammenhang, in dem wir stehen, auszublenden - DAS ist in meinen Augen Schizophrenie.

Und es geht ja nicht darum, auf Errungenschaften der Technik zu verzichten, sondern darum, sich auf das zu beschränken, was wesentlich ist - und das andere (und das kann vieles sein) fortzulassen.

Zu dem Thema veröffentliche ich heute einen prima Artikel, der zeigt ganz klar, wie "ich" und "die Industrie" verbunden sind. Du findest ihn unter dem Titel Wohlstand ohne Wachstum.

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