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Vom richtigen und vom falschen Minimalismus
Stadt gegen Land
Sieht so Minimalismus aus? Foto © owik2/photocase
Ich höre oft, dass man in San Francisco nicht minimalistisch leben kann – weil es eine Stadt ist, weil es teuer ist dort zu leben, weil dort alle Menschen so geschäftig und gehetzt sind. Das verwirrt mich, weil ich mich dann frage, was im Verständnis dieser Menschen Minimalismus eigentlich ist.
Es gibt nicht nur eine Weise, Minimalismus zu leben – man kann das machen, indem man in einem Bauwagen lebt, mit dem Rucksack um die Welt reist, in einem winzigen Haus lebt, auf einer großen Farm oder sonstwo.
Mehr!
Mehrbeere Foto © aussi97/photocase
Immer mehr zu wollen, ist ein Phänomen unserer Zeit, ein Spiegelbild unserer Lebensweise, und doch ist es etwas, das selten als Phänomen erkannt wird. Es prägt unser Verhalten, ohne, dass wir es begreifen. Wir nehmen gar nicht wahr, dass dies oft unseren Emotionen und Handlungen vorausgeht.
In unseren Gefühlen und Erfahrungen nimmt das Verlangen nach Mehr überhand. Vielleicht gehört dieses Phänomen von Natur aus zum Menschsein. Oft organisieren wir unser Leben rund um dieses Verlangen und messen den Erfolg unseres Lebens daran, wie erfolgreich wir darin sind, uns immer mehr zu verschaffen, von was auch immer wir in einem bestimmten Moment wollen.
Schluß mit Konsumismus!
Wir sind keine Konsumenten. Wir sind Menschen.
Unser Leben ist nicht dazu bestimmt, Geld zu verdienen, damit wir unsere Einkaufsgewohnheiten aufrecht erhalten können oder damit wir uns ein großes Haus und zwei Autos oder luxuriöse kulinarische Genüsse oder teure Unterhaltung leisten können.
Wir leben nicht, um die Wirtschaft zu unterstützen. Und doch scheint es so – wenn man objektiv von außen auf unsere Gesellschaft schaut – dass wir das tun.
Am besten keine Ziele
Die Idee konkreter, erreichbarer Ziele scheint in unserer Kultur tief verwurzelt zu sein. Ich weiß, ich habe viele Jahre zielorientiert gelebt, und tatsächlich geht es in einem großen Teil meiner Texte darum, wie man sich Ziele setzen kann und wie man sie erreicht.
Nun jedoch lebe ich zumeist ohne Ziele. Es ist absolut befreiend und im Gegensatz zu dem, was man dir vielleicht beigebracht hat, heißt das überhaupt nicht, dass du aufhörst, etwas zu leisten oder zu erreichen.
Es bedeutet, dass du damit aufhörst, dich von Zielen begrenzen zu lassen.
Nimm zum Beispiel diesen weit verbreiteten Glaubenssatz: "Du kommst nie irgendwo an, wenn dir nicht klar ist, wohin du gehst." Das scheint sehr dem gesunden Menschenverstand zu entsprechen, und doch ist es offensichtlich nicht wahr – es wird sichtbar, wenn du für einen Moment innehältst, um darüber nachzudenken.
Mach ein einfaches Experiment: Geh nach draußen, laufe in eine beliebige Richtung und nimm dir die Freiheit, willkürlich die Richtung zu ändern. Nach 20 Minuten oder einer Stunde ... wirst du irgendwo sein! Du hast bloß nicht gewusst, dass du dort landen würdest.
Wie viel ist genug?
Genügsamkeit bedeutet nicht selbstauferlegte Armut – sie erlaubt dir zu entdecken, wer du wirklich bist
Auf einem Kongress über alternative Wirtschaftsformen saß ich beim Abendessen zufällig neben einem Mann, der den Kurs unserer New Road Map Foundation über das Thema „Die Beziehung zu Geld transformieren und finanzielle Unabhängigkeit erreichen" besucht hatte. Er erzählte von seinen Bemühungen, herauszufinden, was für ihn selbst zum Leben reicht.
Gelegentlich besucht er ein Kloster auf dem Land, um in stiller Zurückgezogenheit zu meditieren. Für die Verpflegung sorgen dort die Mönche. Die vielen Hektar Wald sind von Wanderwegen durchzogen. Es gibt mehrere abgelegene kleine Häuschen mit nur ein oder zwei Stühlen. Jedes Zimmer hat ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl, eine Lampe – mehr nicht. Stille und Frieden prägen die Stimmung dieses Ortes.
Angst hält uns davon ab, in Einfachheit zu leben
Die kleinen Dinge des Lebens Foto © jöni/photocase
Warum behalten wir Dinge, obwohl wir sie nicht brauchen oder benutzen? Weil wir Angst haben, dass wir sie doch noch brauchen werden. Angst davor, was passieren würde, wenn wir uns von ihnen trennen.
Jahrelang hatte ich ein Auto, für Notsituationen und weil es mich beunruhigte, möglicherweise Dinge nicht tun zu können, die ich tun wollte oder musste. Dann entdeckte ich, dass ich alles, was ich tun will, auch ohne Auto tun kann – und mehr noch. Und dass die "112" in wirklichen Notfällen besser ist.
Eine Gemeinschaft von Menschen
Ich muss arbeiten, aber ich will nicht immer arbeiten. Ich möchte Zeit mit Freunden verbringen, ich möchte spazieren gehen können, ich möchte das Leben genießen können. Wer will das nicht? Ich möchte, dass die Arbeit ein Teil meines Lebens ist und nicht ihr Hauptzweck.
Auszeit
Vor zehn Jahren hatte ich meine letzte wirkliche Auszeit: Vier Wochen in einem kleinen griechischen Fischerdorf irgendwo unbekannt. Da habe ich die Wochen im Schatten des einzigen Baumes am Strand gesessen und nichts getan als auf das Meer zu schauen, zu dösen, abzuhängen, zu träumen, vielleicht auch ein bisschen nachdenken, alles sehr gelassen wie es eben gerade so kam, ein Leben ohne Uhrzeit: Aufstehen, wenn wach geworden, essen, wenn Hunger kam, ohne Rücksicht auf eine Tageszeit… Es war wunderbar! Nach drei Wochen war ich so synchronisiert und in einem so normalen eigenen Rhythmus, dass mir Flügel hätten wachsen können. So eine Auszeit wünsche ich mir mal wieder leisten zu können. Und ich glaube, alle Lebewesen sollten ab und an völlig befreit mal raus können von allem, so eine Art „Reset-Taste“ für das eigene Leben wiederfinden.
Mehr leben, weniger brauchen
Je mehr ich mein Augenmerk darauf richte zu leben, desto weniger brauche ich.
"Sein Augenmerk darauf richten zu leben", was soll das heißen? Es ist ein Wechsel – von der Sorge um die Dinge, die ich habe, um meinen Status, um Ziele und um wunderschöne Dinge hin zum unmittelbaren Leben. Leben umfasst: Lange Spaziergänge, Dinge selber machen, Gespräche mit Freunden, kuscheln mit meiner Frau, mit meinen Kindern spielen, einfache Speisen essen, rausgehen und aktiv werden.
Die Jahreszeit des Krempels
Reich beschenkt Foto © trepavica/photocase
In diesen Tagen beginnt ganz offiziell die Saison der Dinge. Während dieser Zeit des Jahres werden wir unaufhörlich ermuntert, mehr Dinge zu kaufen, mehr Zeugs für die zu kaufen, die wir „lieben“ und dankbar für den Krempel zu sein, den wir haben und noch dazubekommen.
All diese Dinge erzeugen einen Materialberg, der dann auch wieder weggeworfen oder recycelt werden muss.



