Langsam

Slow down... to enjoy life

Leo Babauta
Wege

Wege       Foto © lama-photography/photocase

Ich lese für gewöhnlich keine weitergeleiteten Mails, aber heute habe ich eine bekommen, die meine Aufmerksamkeit erregt hat. Sie war von jemandem verfaßt, der bei Volvo in Schweden arbeitet, und er erwähnt, daß jedes Projekt in dem Unternehmen "zwei Jahre braucht, bis es ausgereift ist, auch wenn die Idee einfach und brillant ist. Das ist die Regel."
Anscheinend steht die schnell getaktete globale Unternehmenswelt, die sofort Ergebnisse sehen will, "in starkem Gegensatz zu den langsamen Bewegungen der Schweden. Sie debattieren vielmehr ohne Ende, halten zahllose Meetings ab und arbeiten nach einem Prinzip der Verlangsamung. Am Ende erzielen sie damit immer die besseren Ergebnisse."

Er erzählt folgende Geschichte:
Als ich das erste Mal in Schweden war, holte mich einer meiner Kollegen jeden Morgen am Hotel ab. Es war September, beißend kalt und es schneite. Wir kamen früh bei der Firma an und er parkte weit vom Eingang entfernt (2000 Mitarbeiter kommen mit dem Auto zur Arbeit). Am ersten Tag sagte ich nichts, auch nicht am zweiten und dritten. Dann fragte ich eines Morgens: "Hast du einen bestimmten eigenen Parkplatz? Mir ist aufgefallen, daß wir weit vom Eingang entfernt parken, auch wenn es sonst noch keine Autos auf dem Platz gibt."

Worauf er antwortete: "Weil wir früh hier sind, haben wir Zeit, zu Fuß zu gehen, und wer spät kommt, wird es eilig haben und einen Platz näher am Eingang brauchen. Meinst du nicht?" Stell dir mein Gesicht vor.

Er fährt fort und spricht über eine Bewegung in Europa, die Slow Food heißt, die "dafür eintritt, daß man langsamer essen und trinken sollte, damit man genug Zeit hat, um sein Essen auch zu schmecken und mit der Familie und mit Freunden zusammenzusein, ohne sich dabei hetzen zu müssen. Slow Food ist gegen das Gegenteil: gegen den Geist von Fast Food und das, wofür das als Lebensstil steht."

Ich liebe diese Idee. Sie ist die Essenz der Einfachheits-Bewegung, und sie inspiriert alle, die versuchen, ein einfaches Leben zu führen. Es geht nicht nur darum, auf überflüssige Dinge zu verzichten oder Geld zu sparen ... es geht darum, langsam zu werden, um sich mehr seines Lebens zu freuen und die einfachen Freuden des Lebens zu genießen und um auf einer bestimmten Ebene die materialistische Kultur abzulehnen, in der wir alle gefangen sind, und uns statt dessen unseren Mitmenschen zuzuwenden. Es geht darum, unsere Werte und Prioritäten zu ändern.

Er fährt fort:
Im Grunde stellt diese Bewegung das Gefühl von "Eile" und "Verrücktheit" in Frage, das von der Globalisierung erzeugt und das von dem Wunsch nach „Quantität“ (Lebensstandard) statt nach "Qualität", "Lebensqualität" oder der "Qualität von Sein" genährt wird. Franzosen sind produktiver als Amerikaner oder Briten, obwohl sie nur 35 Stunden in der Woche arbeiten. Die Deutschen haben 28,8 Stunden-Wochen erreicht und haben festgestellt, daß ihre Produktivität um 20% gestiegen ist. Diese Einstellung der Langsamkeit ist den Anhängern von Schnelligkeit und "Mach es jetzt!" in den USA aufgefallen.

„Keine Eile“ als innere Haltung bedeutet nicht, daß man weniger tut oder daß man eine niedrigere Produktivitätsrate hat. Sie bedeutet, daß man mit höherer Qualität, Produktivität, Perfektion, mit Aufmerksamkeit für das Detail und mit weniger Streß arbeitet und Dinge tut. Diese Haltung bedeutet, Werte der Familie, Freunde und Freizeit wieder in den Vordergrund zu rücken. Das "Jetzt", das da und konkret ist, dem undefinierten und anonymen "Globalen" gegenüberzustellen. Sie steht für die essentiellen Werte des Menschen, für die Einfachheit des Lebens.

Sie steht für eine weniger von Zwang geprägte Arbeitsumgebung, die glücklicher, leichter und produktiver ist und in der es den Menschen Spaß macht, das zu tun, wovon sie am besten wissen, wie man es macht. Es ist an der Zeit, anzuhalten und darüber nachzudenken, daß Unternehmen Qualität entwickeln müssen ohne Eile, wodurch die Produktivität und die Qualität von Produkten und Dienstleistungen gesteigert wird, ohne dabei den Geist zu opfern, in dem gearbeitet wird.

Viele von uns leben ihr Leben, indem sie hinter der Zeit herlaufen, aber holen sie erst ein, wenn sie an einem Herzinfarkt oder bei einem Autounfall sterben, wenn sie sich gerade beeilen, rechtzeitig anzukommen. Andere bemühen sich so sehr, die Zukunft zu leben, daß sie vergessen, in der Gegenwart zu leben, die ja die einzige Zeit ist, die wirklich existiert. Wir alle haben gleich viel Zeit auf dieser Welt. Niemand hat mehr oder weniger. Der Unterschied liegt darin, wie jeder einzelne von uns mit seiner Zeit umgeht. Wir müssen jeden einzelnen Augenblick leben. Das meinte John Lennon, als er sagte: "Leben ist das, was Ihnen passiert, während Sie damit beschäftigt sind, etwas anderes zu planen."



Dieser Artikel stammt von Leo Babauta, er wurde erstmals auf seiner Website zenhabits.net unter dem Titel Slow down ... to Enjoy Life veröffentlicht. Übersetzung Dirk Henn.

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Und dann gibt es noch das tolle Buch

von Eckart Tolle "Jetzt" ...

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