Die Energie der Wut nutzen

Wut ist anstrengend und macht müde. Wenn wir diesem Gefühl nachgehen, dann investieren wir eine Menge Lebensenergie, die wir für andere Dinge nicht mehr zur Verfügung haben. Was uns außerdem Kraft für das Aufwachen raubt und wie wir damit umgehen können...

Wutenergie

Wutenergie       Foto © inkje/photocase

Ezra Bayda

Seien wir ehrlich: Die meiste Zeit sind wir einfach nicht aufmerksam. Wir verlieren uns in fast allem, was wir tun, und in jeder Identität, die wir annehmen. Die meisten unserer Gedanken und Handlungen entstehen voraussagbar und mechanisch aus unserer Konditionierung. Nur selten wissen wir, wer wir wirklich sind, jenseits eines engen und befangenen Selbstgefühls. Eine der wichtigsten Einsichten in der Meditationspraxis besteht in der Erkenntnis, in welchem Ausmaß wir im Schlaf leben.

Die Frage lautet: Warum ist es so schwer, zu erwachen? Zum Teil besteht der Grund darin, dass die Lebenskraft oder die Lebensenergie, die wir zum Erwachen brauchen, von morgens bis abends entweicht. Hierbei ist es hilfreich, wenn wir uns vier spezifische „Lecks“ genauer anschauen.

Unnötiges Reden

Das erste Leck ist unnötiges Reden. Das kann die Form des achtlosen Geredes annehmen oder wenn wir uns selbst überhöhen und andere klein machen, wenn wir Klatsch austauschen, uns beklagen oder Dinge dramatisieren. Interessanterweise sind wir jedes Mal, wenn wir unseren Mund zum Sprechen öffnen, mit unnötigem Reden beschäftigt.

Tagträume
Das zweite Leck, durch das wir Energie verlieren, sind Tagträume, egal ob wir planen, uns in Fantasien verlieren, uns Sorgen machen oder einfach nur beliebigen Gedanken nachhängen. Jedes Mal, wenn wir uns in unnötigem Denken verlieren, verlieren wir etwas Energie.

Unnötige Muskelanspannung

Das dritte Leck ist unnötige Muskelanspannung, die körperliche Kontraktion, die durch den ständigen Kampf kommt, mit dem wir unsere Lebensstrategien ausagieren wollen – wir versuchen zu gewinnen, anderen zu gefallen, wir versuchen uns zu verstecken oder Unangenehmes zu vermeiden.

Ausdruck negativer Emotionen

Das vierte Leck ist der Ausdruck negativer Emotionen, durch den im Laufe des Tages Energie in kleinen und großen Dosen verschwendet wird. Negativ, wie es hier gebracht wird, bedeutet nicht schlecht; es bezeichnet eine Emotion, die negiert oder ablehnt. Sie sagt „Nein“ zum Leben. Die Wut sagt zum Beispiel: „Ich will das nicht!“ Ich spreche hier nicht nur von lauten Wutausbrüchen, wir bringen negative Emotionen durch Gereiztheit zum Ausdruck, als Beurteilung von uns selbst und anderen, als Ungeduld, als passive Aggression usw.

Die Lecks schließen

Bei der Praxis ist es wichtig, Wege zu finden, um diese Lecks zu schließen. Deshalb wird bei Retreats oft das Schweigen betont, damit wir keine Energie durch unnötiges Reden verlieren. Deshalb fokussieren wir uns auch darauf, uns nicht in der Geschichte, die uns unsere Gedanken erzählen, zu verlieren, denn dabei verlieren wir Energie durch Tagträume. Wir achten auch bewusst auf unsere Strategien und auf die körperlichen Anspannungen, die durch diese Strategien verursacht werden; damit richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das Leck durch unnötige Körperanspannung.

Aber der Bereich, der am meisten Aufmerksamkeit benötigt, ist der Umgang mit den negativen Emotionen, besonders mit den vielen Formen der Wut. Wenn wir den Ausdruck der Wut stoppen können und stattdessen die Energie der Wut spüren, geschieht etwas – etwas, das wir als Transformation bezeichnen können.

Erfahrung als Nahrung

Im Folgenden gebe ich eine Analogie, die für das Verstehen dieses Prozesses hilfreich sein kann. Wir alle wissen, dass die Nahrung unserem Körper Energie gibt. Aber es gibt noch eine andere Form der „Nahrung“ – besonders unsere Impressionen oder Erfahrungen –, die unser Sein nährt. Jede Erfahrung kann gute oder schlechte Nahrung sein, was davon abhängt, wie viel Gewahrsein anwesend ist. Wenn wir auf eine Erfahrung negativ reagieren, ist das mit dem Essen schlechter Nahrung vergleichbar. Wir können sie nicht verdauen. In der Tat kann sie uns sogar vergiften. Und dann spucken wir das Gift oft wieder zurück in die Welt und meist bekommt es einer unserer Mitmenschen ab.

Die Alternative zu diesem Verhalten besteht darin, dass wir körperliches Gewahrsein auf das Entstehen negativer Reaktionen richten. Normalerweise nähren wir unsere Reaktion, indem wir unseren Gedanken glauben und sie rechtfertigen. Aber wenn wir von den Gedanken und Rechtfertigungen Abstand nehmen, können wir die Aufmerksamkeit auf die körperliche Erfahrung der Energie selbst richten. Das ermöglicht eine andere Art der Verdauung. Durch diesen Prozess wird diese Energie so transformiert, dass sie Nahrung für unser Sein wird.

Beachte aber, dass ich nicht sage, dass diese Emotionen nicht entstehen sollten oder dass wir sie unterdrücken sollten. Ich spreche davon, dass wir sie nicht länger zum Ausdruck bringen, sei es nach außen in Worten und Handlungen oder nach innen durch Gedanken. Nur durch das Zurückhalten dieses Ausdrucks können wir wirklich die Energie erfahren und in neuer Weise verdauen. Wenn wir die Wut nicht zum Ausdruck bringen, können wir die Emotion der Wut direkt und in ihrer ganzen Stärke fühlen. In diesem Prozess lernen wir in einer Weise zu leben und zu sein, die mehr unserer wahren Natur, unserem offenen Herzen, entspricht.

Was bedeutet es, die Emotion zu fühlen?

Es bedeutet, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf die körperliche Erfahrung unseres Lebens genau jetzt richten. Gibt es da Hitze? Oder Druck? Spüren wir Enge oder Kontraktion? Wo spüren wir es besonders? So bringen wir unsere Aufmerksamkeit zur Unmittelbarkeit der Erfahrung.

In diesem Zusammenhang wird oft gefragt, warum es so schwer ist, den Ausdruck der Wut zu stoppen. Wir scheinen an dieser Gewohnheit mir einer Hartnäckigkeit festzuhalten, die dem gesunden Menschenverstand widerspricht. Die einfache Antwort ist: Wir wollen wütend sein. Wir wollen recht haben. Wir mögen die Lebendigkeit und die Kraft, die wir spüren, wenn wir unsere Wut ausdrücken.

Aber es gibt noch einen tieferen Grund. Der Ausdruck der Wut schützt uns auch, weil dadurch der auf Angst basierende Schmerz überdeckt wird, der oft unserer Wut zugrunde liegt – ein Schmerz, den wir nicht spüren wollen. Wir spüren zum Beispiel einen plötzlichen Ausbruch von Wut, wenn wir kritisiert werden. Meistens werden wir direkt in Schuldzuweisungen und Selbstrechtfertigung springen, was unsere Strategie ist, um den Schmerz der Ablehnung und der Minderwertigkeit nicht zu spüren, der durch diese Kritik ausgelöst wird.

Einen ganzen Tag lang keine Wut

Aber wenn wir stattdessen die Wut nicht zum Ausdruck bringen, können wir tiefer gehen und wirklich die Wut spüren. Das ist ein stiller innerer Prozess, durch den wir natürlicherweise tiefer in unsere eigene Erfahrung sinken. Wenn wir in unserer Erfahrung absichtsvoll präsent sind, können wir die Hüllen unserer Umpanzerungen durchbrechen und können in den Schmerz eintreten, den wir nicht spüren wollten. Obwohl es nie angenehm ist, mit unseren tief liegenden Schmerzen und Ängsten in Berührung zu kommen, können wir nur durch das Offenlegen und Verweilen an diesem Ort zu wirklicher Transformation kommen. Nur hier können wir uns wieder mit unserer grundlegenden Ganzheit verbinden.

Eine Praxis, die ich seit vielen Jahren übe und die ich oft meinen Schülern empfehle, besteht darin, einen ganzen Tag lang keine Wut zum Ausdruck zu bringen. Von dem Moment an, wo du morgens aufwachst, bis zum Schlafen gehen am Abend hältst du die feste Absicht, keine Wut auszudrücken, wenn sie in dir entsteht – sei es äußerlich in Worten und Taten oder innerlich in deinen Gedanken. Das heißt nicht, dass keine Wut entstehen darf. Es bedeutet, dass, wenn die Wut auftaucht, deine Praxis darin besteht, sie in keiner Weise zum Ausdruck zu bringen. Dadurch kannst du die körperliche Energie der Wut direkt erfahren.

Die Energie der Wut transformieren

Diese Übung ist nicht leicht. Zuerst müssen wir uns daran erinnern, sie zu üben. Und wenn wir uns daran erinnern, müssen wir uns mit der tief eingeprägten Gewohnheit konfrontieren, in der wir uns mit unserer Wut beschäftigen, sobald sie sich zeigt. Das kann besonders schwer sein, wenn die Wut stark ist, wenn wir wirklich an den Verteidigungsstrategien der Schuldzuweisung und der Selbstrechtfertigung festhalten wollen, um den darunter liegenden Schmerz nicht zu spüren. Aber zumindest sehen wir unsere Wut in neuer Weise. Wir sehen die Wut genau dann, wenn sie entsteht, und damit können wir ihre Wurzeln erkennen. Und wenn wir die Wut genau dann sehen, wenn sie auftaucht, können wir erkennen, dass sie in Angst wurzelt. Wir beginnen auch den transformativen Prozess zu erfahren, der den Kern der Praxis ausmacht.
Erst wenn wir lernen, unsere Wut nicht auszudrücken und sie stattdessen zu erfahren und dadurch die Energie der Wut transformieren, werden wir uns nicht länger wundern, warum uns die Lebenskraft fehlt, die wir zum Erwachen brauchen. Das ist kein konzeptueller Prozess; mit unserem Denken können wir das nicht verstehen. Die einzige Möglichkeit, um diesen transformativen Prozess zu erfahren, besteht darin, dass wir unsere Gewohnheit stoppen, in der wir die Wut ausdrücken und rechtfertigen, sobald sie entsteht. Das ist entscheidend wichtig, wenn wir aufwachen wollen.

Dieser Beitrag ist Ezra Baydas Buch "Zen Herz" entnommen, das im Arbor Verlag erschienen ist. Wir danken dem Arbor Verlag für die Abdruckgenehmigung.

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