Das Tao der Produktivität

Leo Babauta

Im Zeitalter digitaler Kommunikation sind wir geschäftiger denn je. Und doch scheinen wir in all dem Getöse und der Aufruhr kaum Zeit zu finden, klar zu schauen, was wichtig ist und darüber nachzudenken.

Um unseren Blick für diese Dinge zu schärfen, müssen wir unsere Vorstellung von Produktivität von Grund auf überdenken.

Unsere Gesellschaft ist von Produktivität geradezu besessen. Wie müssen "hart arbeiten", viele Stunden lang, um unsere Dinge geregelt zu kriegen, allzeit emsig und geschäftig; wir müssen To-Do-Listen anlegen, um sie dann wieder abzuhaken, wir müssen zahllose Projekte in Bewegung halten, die Gewinne steigern und einfach immer, immer mehr leisten. Aber wofür? Worum geht es in all dieser Besessenheit? Sie führt zu Burnout, Stress und Angst, zu einem unglücklichen Leben, zu Gier und Verwirrung und dazu, dass man für seine Familie, seine Freunde und sogar für sich selbst keine Zeit mehr hat.

Was würde passieren, wenn wir all das einfach über den Haufen werfen würden? Wenn wir sagen würden: "Ich möchte das tun, was mir wichtig ist, aber der Rest kann mir gestohlen bleiben?" Lasst uns in diesem Sinne ein neues Credo formulieren: Einfachheit, Bedeutung, Fokus, Stille und Freude. Lass uns schöne und nützliche Dinge tun – und zwar mit Freude.

Mit diesem "neuen" Konzept von Produktivität (das eigentlich so alt ist wie Arbeit selbst), können wir auch einige neue Grundsätze einführen. Die Prinzipien, die ich vorschlage, sind vom Taoismus inspiriert, einer Philosophie, die mein Leben tief geprägt hat. Allerdings, bin ich kein Taoist und auch kein Experte für Taoismus. Daher wird nicht alles, was ich im Folgenden sage, der reinen Lehre entsprechen.



Sei zufrieden

Sei zufrieden, mit dem, was du hast,
und erfreue dich daran, wie die Dinge sind.
Wenn du begreifst, dass nichts fehlt,
gehört die ganze Welt dir.
Lao-Tse

Dies ist die Grundlage des Tao der Produktivität: das alte Verständnis von Produktivität war im Verlangen nach immer mehr begründet, dem Verlangen, immer größer zu sein und mehr zu leisten. Lasse stattdessen dieses Verlangen los und mache dir klar, dass du schon genug hast.

Wenn du erkennen kannst, dass du genug hast,
bist du wirklich reich.

Wenn du bereits reich bist, musst du dann überhaupt noch mehr Geld verdienen? Musst du dann trotzdem stetig mehr tun? Wenn du zufrieden bist, dann tust du deshalb mehr, weil es dir Freude macht, nicht weil du mehr haben willst.

Wenn es kein Verlangen gibt,
ist alles im Einklang.



Meistere das "Nicht-Handeln"

Das Sanfteste, was auf der Welt existiert,
überwindet das Härteste.
Das, was ohne Substanz ist,
dringt ein, wo es keinen Raum gibt.
Dies zeigt den Wert vom Nicht-Handeln.
Ohne Worte, lehren,
Ohne Handeln, gestalten:
Das ist der Weg des Meisters.

Ich glaube, das ist das Prinzip, welches am schwersten zu meistern ist, denn unsere alte Besessenheit von Leistung war eine Besessenheit zu Handeln.
Mir hilft es, wenn ich an die Natur denke: Sie tut nichts, sie beeilt sich nicht, und dennoch wird alles getan. Aber warum wird alles in der Natur getan? Weil:

1. Es nichts gibt, was wirklich erledigt werden muss – alles was passiert, ist gut.

2. Was passiert, ist ein Ergebnis der wahren Natur der Dinge – sie tun, was sie tun, weil sie sind, was sie sind.

Mach dir klar, dass das auch für deine Aufgaben gilt: Kannst du das loslassen, von dem du meinst, dass es getan werden "muss"? Und kannst du Dinge neu denken, so dass sie passieren, weil sie sind, was sie sind, und nicht weil du sie erzwingst? Es ist keine leichte Aufgabe, aber sie kann sich erfüllen, wenn du innerlich offen bleibst und dich auf "Bedürfnisse" und die Natur der Dinge besinnst.

Der Meister lässt zu, dass Dinge geschehen.
Er formt Ereignisse, so wie sie stattfinden.
Er geht aus dem Weg
und lässt das Tao für sich selbst sprechen.



Geb die Kontrolle auf

Der Meister sieht die Dinge, wie sie sind,
ohne den Versuch, sie zu kontrollieren.
Er lässt sie ihren Weg nehmen
und ruht im Zentrum des Kreises.

Eine weitere schwierige Veränderung ist, das Bedürfnis nach Kontrolle aufzugeben. Wir versuchen, unsere Umgebung, unser Verhalten, unser Denken, andere Menschen und Ergebnisse zu steuern. Aber das ist alles Illusion: Wir haben keine Kontrolle über das, was passiert. Andauernd gehen Dinge schief, Pläne scheitern, wir selbst scheitern, und wir halten uns deswegen für Versager. Nur weil wir dachten, wir könnten etwas lenken, und dann hat es nicht funktioniert.

Andere Menschen zu steuern, ist eine riesige Quelle von Konflikt. Hör auf, Angestellte, Kollegen, Chefs, Mitglieder deines Teams und Menschen, die dir nahe stehen zu kontrollieren. Lass sie tun, was sie wollen, und dich behandeln wie sie wollen.

Wie also arbeitet man ohne Kontrolle? Es braucht Zeit, das zu lernen, aber die Idee ist, die Dinge geschehen zu lassen und im Fluss dieser Ereignisse zu handeln (oder nicht zu handeln). Lass die Menschen tun, was ihnen gefällt, und finde Ruhe inmitten von diesem Wirbel von Aktivität und Menschen.

Der Meister lässt zu, dass Dinge geschehen.
Er formt Ereignisse, so wie sie stattfinden.
Er geht aus dem Weg
und lässt das Tao für sich selbst sprechen.



Hör auf zu planen

Andere Menschen haben ein Ziel;
Ich dagegen kenne meines nicht.
Ich treibe dahin wie eine Welle auf dem Meer,
vom Wind verweht, so ziellos.

Dies geht Hand in Hand mit dem Loslassen von Kontrolle. Hör auf zu planen und gib die Versuche auf zu steuern, wie die Dinge laufen und was dabei herauskommt. Leben verläuft nie nach Plan. Warum also quälst du dich mit Sorgen um die Zukunft und mit Sorgen um die Vergangenheit, sobald Pläne fehlschlagen?

Lebe im Moment, ohne ein bestimmtes Ergebnis im Kopf. Lass Dinge passieren und sei mit dem zufrieden, was passiert. Du musst natürlich arbeiten, aber tu das, weil es dir Freude macht.

Weil er kein Ziel im Sinn hat,
gelingt ihm alles, was er tut.



Lass Erfolg und das Bedürfnis nach Bestätigung los

Erfolg ist so gefährlich wie Scheitern.
Hoffnung ist so hohl und leer wie Angst.

Was bedeutet es, dass Erfolg so gefährlich wie Misserfolg ist?
Ganz gleich, ob du die Leiter hinauf- oder hinabsteigst,
deine Situation ist wacklig.
Wenn du mit beiden Beinen auf dem Boden stehst,
hältst du immer dein Gleichgewicht.

Die Idee von Erfolg ist zutiefst in unsere Gesellschaft eingeschrieben und fast jeder Moment unserer Kindheit und Schulzeit ist auf Erfolg ausgerichtet. Aber das ist ein stumpfsinniges Konzept. Wer definiert Erfolg? Warum ist Erfolg so wichtig? Was passiert, wenn wir keinen Erfolg haben? Und was passiert, wenn wir Erfolg haben und immer mehr davon wollen oder merken, dass er die ganze Mühe nicht wert war und wir unser Leben vergeudet haben?

Bleib mit deinen Füßen auf dem Boden. Finde Gleichgewicht und Zufriedenheit. Vergiss "Erfolg".

Der Meister macht seine Arbeit
und hält dann inne.
Er versteht, dass das Universum
für immer außer Kontrolle ist,
und dass Versuche, Ereignisse zu beherrschen,
gegen den Strom des Tao sind.
Weil er an sich selbst glaubt,
versucht er nicht, andere zu überzeugen.
Weil er mit sich selbst zufrieden ist,
braucht er die Bestätigung anderer nicht.
Weil er sich selbst akzeptiert,
akzeptiert ihn die ganze Welt.

Das Zitat sagt es schon. Ich habe nichts hinzuzufügen. Gib das Bedürfnis nach Bestätigung auf, und das Bedürfnis nach "Leistung" wird verschwinden.



Tu deine Arbeit und trete zurück

Füllst Du Deine Schale bis zum Rand,
so läuft sie über.
Schärfst Du ständig Dein Messer,
so wird es stumpf.
Jagst Du nach Geld und Sicherheit,
so kann dein Herz sich niemals öffnen.
Kümmerst Du Dich um Bestätigung anderer,
so wirst Du ihr Gefangener sein.

Tu deine Arbeit und dann trete zurück.
Der einzige Weg zu Gleichmut.

Dies ist eine Lektion, die schwer zu lernen ist. Wir erledigen unsere Arbeit und wollen dann mehr und mehr tun. Stattdessen trete zurück.

Dieser Artikel stammt von Leo Babauta, er wurde erstmals auf seiner Website zenhabits.net unter dem Titel the tao of productivity veröffentlicht. Sein täglicher (englischsprachiger) Newsletter bietet eine Vielzahl von wertvollen Anregungen. Übersetzung: Peter Brandenburg.

Kommentare

Konjungierte Verben und der eigentliche Artikel

...habe gerade mit Abitur angefangen.
Dort lernt man die Befehlsform natürlich.
Ist doch Imperativ.
Kenne sie ebenso im Sprachgebrauch.
Aber unsere Lehrer sagen sowieso, dass die Leute zu wenig lesen (Bücher) und deswegen die Anwendung derddeutschen Sprache immer mehr missglückt.

Ja. Vielen Dank für den Artikel.
Ich brauchte wieder etwas worauf ich mich konzentriere.
Etwas woran ich arbeiten kann. ..

Many thx. ..

80 percent is perfect

Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es handelt sich offenbar um eine Veränderung im Sprachgebrauch, von denen es ja noch dutzendweise andere gibt (z.B.sowohl wie auch, insofern dass, je...je usw usw). Wenn man schon etwas betagter ist und sehr sprachsensibel fallen diese Veränderungen auf und tun weh. Die meisten Leser werden diese Formen vermutlich ebenso wenig bemerken wie der Übersetzer, eben weil sie immer weniger benutzt werden.

Bis auf diese Feinheiten (?) ist der Text ja prima übersetzt und gefällt mir inhaltlich sehr gut. Seit ich diese Grundsätze beherzige - auch und immer mehr im Berufsalltag - erledigen sich manche Dinge auf wundersame Weise wie von selbst, ich erlebe immer mehr Synchronizität, das Leben wird leichter und müheloser. Toll ...

Konjugationen von Verben

Mir hat der Artikel sehr gefallen.
Viele gute Anregeungen!
Danke

Was ich nicht verstehe ist, warum man heutzutage anscheinend keine Befehlsformen von Verben mehr verwendet.
Bin ich total hinter der Zeit?
Es heißt doch eigentlich: "gib" die Kotrolle auf... und "tritt" zurück...
Kann mir das mal jemand erklären?

Eine ratlose Leserin

Konjugation von Verben

Ich bin eine ebenso ratlose Leserin, konjugiere Verben immer noch und benutze die einst gelernten Befehlsformen (gib, tritt, iss, lies ...). Ich erinnere mich aber auch, wie schwierig es war, meinen Kindern vor rund zwanzig Jahren diese Formen beizubringen, weil damals schon die Nicht-Verwendung dieser Formen um sich griff.

80 percent is perfection

In dem Fall ist es eine Eigenart des Übersetzers. Und mangels Geld für ein gründliches Lektorat ist es so "durchgerutscht".

Irgendwann sind die 24 Stunden eines Tages und die 7 Tage einer Woche einfach vorbei. Und ich tue, was machbar ist. Da gehört auch der Mut zur Lücke dazu.
"80 percent is perfection" ;-)

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