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Das eigene Revier

Von der Kraft des Regionalen

Blick zurück nach vorn       Foto © Judywie/photocase

Ich habe mit meinem Hund eine Runde ums Haus gedreht.
Seltsam, nicht wahr? Erwachsene Menschen, die mehrmals am Tag in Begleitung eines Hundes mehr oder weniger große Kreise um ihren Wohnort ziehen, waren mir, ehrlich gesagt, bislang suspekt.

Mehr und mehr ertappe ich mich nun allerdings dabei, dass es mir Freude bereitet.
Wir untersuchen jeden Winkel unserer Wege auf seinen Geruch, auf Spuren danach, wer diesen Ort in der Zwischenzeit aufgesucht haben mag, auf Geschichten, die sich vielleicht auch nur für kurze Zeit in die Landschaft eingegraben haben, bevor sie von Wind und Wetter davongetragen werden.

Mein wuscheliger Begleiter und ich sind auf der Hut, nehmen alle Anzeichen ernst, durchschneiden mit unseren Körpern am frühen Morgen als erste die im Sonnelicht glänzenden Spinnwegfäden, die den Waldpfad erneut queren. In der Abenddämmerung werden wir Zeuge, wie sich die Welt um uns herum zur Ruhe begibt, und wie zugleich die Tiere der Nacht allmählich in Erscheinung treten. Der verärgert schnüffelnde Igel, die Fledermäuse, die im wilden Zickzack und viel zu nah über uns hinweg flattern und die Waldohreule, die lautlos eine ihrer Mäuserunden fliegt.

An dem Ort, an dem man lebt, seine Kreise zu ziehen, kleine wie große, ist eine wohltuende Angelegenheit. Diesen Impuls habe ich schon, so lange ich denken kann - auch ohne Hund. Nachts um zehn in Berlin-Neukölln unter Gaslaternen über das hundekotgesäumte Kopfsteinpflaster zu lustwandeln, in die Kneipe um die Ecke, auf dem Weg zu Backgammon und Volksküchensuppe, das ist Leben. Aus unzähligen Wohnungen ziehen sanft die Geräusche und Gerüche der Menschen hinaus auf das Trottoir und begleiten mich.
Zugegeben, in Berlin war ich noch ein Schönwetterwandler. Dass die nachbarschaftliche Welt sogar bei jedem Wetter attraktiv sein kann, bei klirrender Kälte, in wattedichtem Nebel und im Regenschauer, hätte ich vorher nicht gedacht. Das lerne ich erst jetzt, langsam, dank meines Hundes.

Die Kraft des Regionalen scheint uns Menschen biologisch eingeschrieben zu sein: Unser kleines Revier zu durchschreiten, in Kontakt zu treten mit den anderen Lebewesen, die es betreten und nutzen, das ist ein Merkmal menschlichen Lebens an sich. Diese Kraft steht uns ständig zur Verfügung, und doch erinnern wir uns ihrer kaum. Dieser Tage wird wenig Aufhebens von ihr gemacht, vielleicht, weil sie nichts ist, was sich verkaufen oder handeln lässt.

Dabei weist uns die Glücksforschung darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit glücklich zu sein stark zunimmt, wenn wir in Kontakt mit glücklichen Menschen sind. Das allerdings nicht irgendwo. In unserer Nachbarschaft!

Und auch ökologisch ist das eigene Revier ein Volltreffer. Dreh- und Angelpunkt eines nachhaltigen Lebens ist unser regionaler Bezug. Je mehr Nahrung, Austausch, Anregung, Genuß und Muße wir vor Ort finden können, desto kleiner wird unser ökologischer Fussabdruck. Es braucht so unendlich viel weniger Ressourcen, sich der Dinge und Menschen zu bedienen, die uns umgeben.
In diesem Sinne waren unsere Vorfahren viel fortschrittlicher: Ein Ei vom Huhn des Nachbarn, Milch von der Kuh eines naheliegenden Bauernhofs, all das sind Garanten einer nachhaltigen Lebensweise.
Und noch auf zwei weiteren Ebenen können wir von unseren Vorfahren lernen: In vorindustriellen Zeiten kannte man nichts anderes, als eine biologische Landnutzung, und man war es gewohnt, sich mit dem, was das nachbarschaftliche Umfeld hergab, zu bescheiden.

Wir brauchen erneut diesen gesunden Bezug zu unserem nachbarschaftlichen Umfeld. Vor allem aber brauchen wir diese nahen Bezugsquellen. Wir haben sie versiegen lassen und müssen sie nun erneut beleben, Zug um Zug. Ohne sie sind wir im wahrsten Sinne des Wortes verloren.

Ein Hemd von einem Bielefelder Leineweber war seinerzeit nachhaltiger als es heute ein T-Shirt aus Taiwan je sein kann. Das bedarf nicht langer Ökobilanz-Betrachtungen, das liegt auf der Hand. Eine solche Sicht liegt, im wahrsten Sinne des Wortes, nahe. Bis in die 70er Jahre waren derartige Austauschbeziehungen unsere unreflektierten gewohnten Bezüge, bis sie uns aus dem Blickfeld gerieten.

Manche unserer wesentlichen Schritte sind gar nicht groß. Sie sind nur eine Frage des Bewusstseins für das eigene Revier, dass es erneut zu beleben gilt. Denn wenn es eine Frage auf unsere drängenden Fragen gibt, dann hier und jetzt.

Und was wäre schöner, als an unserem Ort nach dem Glück Ausschau zu halten und etwas von dem Glück mit unseren Nachbarn zu teilen? Das ist die Kraft des Regionalen, die wir so sehr aus den Augen verloren haben.