Wirtschaft und Politik neu denken

Warum eine Besinnung auf Bedürfnisse uns ein ganzes Stück weiterbringt

Der menschliche Geist aus Sicht des 17. Jahrhunderts

Der menschliche Geist,
aus Sicht des 17. Jahrhunderts

Dirk Henn

“Ein Problem kann nicht auf derselben Bewusstseinsebene gelöst werden, auf der es entstanden ist.”
Albert Einstein

Wie können wir dafür sorgen, dass Politik und Wirtschaft die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen stoppen und sich auf neue Art der Erfüllung unserer Bedürfnisse zuwenden?
Nun, ich fürchte, wir müssen zunächst einen Umweg gehen, wenn wir zum Ziel kommen wollen. Denn Politik und Wirtschaft, derzeit in großer Verwirrung über Konzepte und Perspektiven, lassen sich nicht aus sich selbst heraus "ändern" oder "verbessern". Wir ahnen es, wenn wir die zigste Petition unterzeichnen, uns an der nächsten Großdemonstration beteiligen oder mit Unterschriftenlisten im Bekanntenkreis hausieren gehen.
All das sind wichtige Bestandteile einer verantwortlichen Einflussnahme, keine Frage. Doch ein grundlegender Wandel sieht anders aus.

Und er beginnt auch andernorts – in unserem Bewusstsein, in neuen Dialogen, neuen Ideen, neuen Konzepten. Erst wenn das Feuer für den Wandel in uns entfacht ist, kann es sich zu einem Flächenbrand entwickeln, der dann auch Politik und Wirtschaft erfasst.

Jetzt ist unsere ganze Weisheit, unsere ganze Reife als menschliche Wesen gefragt, denn Politik und Wirtschaft werden wir nur auf einer neuen Bewusstseinsebene transformieren können. So sind wir wieder auf uns selbst zurückgeworfen und unsere ganz alltäglichen Gedanken, Gefühle und daraus resultierenden Gewohnheiten. Denn nichts anderes ist Bewusstsein.

Eine Welt der Fülle, des Wachsens und Gedeihens, werden wir nur hervorbringen können, wenn es uns gelingt, eine Welt der Fülle in uns selbst zum Leben zu erwecken. Dabei geht es nicht um eine materielle Fülle – eine Vielzahl von Dingen oder ein Leben dass sich durch materiellen Reichtum rechtfertigt. Eine Welt der Fülle nimmt ihren Ursprung immer in der Fülle des Geistes, indem wir uns von der Macht des Möglichen beseelen lassen. Ganz elektrisierend ist in diesem Zusammenhang ein Vortrag von Benjamin Zander, dem Dirigenten des Boston Philharmonic Orchestra. Benjamin Zander erinnert uns an unser menschliches Potential, das uns immer dann zur Verfügung steht, wenn wir uns der Welt der Fülle zuwenden. (All jenen, die des Englischen mächtig sind, empfehle ich die ersten zwei bis sieben Minuten des Videos sehr!)

Wenn und weil wir uns der Fülle menschlichen Seins zuwenden, begegnen uns auch in Politik und Wirtschaft mit einem Mal neue Möglichkeiten. Bereits seit den 70er Jahren gibt es einen Strom wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Aktivität, in dem deutlich die Konturen einer ökologischen Ökonomie menschlichen Masses erkennbar werden. Andreas Weber trägt diese Ansätze in seinem Buch "Biokapital" lebendig und praxisnah zusammen. All diesen Ansätze einer Politik des Lebens, ist gemein, dass sie unsere menschlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen. Sehr erhellend ist hierbei die Arbeit des deutschstämmigen Chilenen Manfred Max-Neef, der für seine ökonomische Grundlagenforschung bereits 1983 den alternativen Nobelpreis erhielt. Den Kern seines Schaffens bildet die Neusichtung und Neudefinition dessen, was wir Menschen brauchen, um ein gutes Leben zu führen. Was sind unsere wahren Bedürfnisse? Und wohlgemerkt: Hier geht es nicht um die uns allen Menschen innewohnende grenzenlose Gier, die zur Verkaufsförderung fälschlicherweise gerne als „Bedürfnisse“ beschrieben wird. Denn in Wahrheit sind unsere Bedürfnisse, die menschlichen Bedürfnisse unseres täglichen Lebens, etwas Begrenztes, Naheliegendes.
Manfred Max-Neef macht zehn grundlegende Bedürfnisse aus, die es nach Möglichkeit zu befriedigen gilt, wenn wir als menschliche Wesen in Würde leben wollen. Wie wir diese Bedürfnisse befriedigen, das variiert freilich von Kultur zu Kultur, von Epoche zu Epoche. Doch dass wir als menschliche Wesen diese Bedürfnisse haben, und dass sie die Leitlinie unseres ökonomischen Handelns bilden müssen, daran besteht kein Zweifel.
Sie sich anzuschauen und jedes einzelne Bedürfnis wirklich ernst zu nehmen, ist bereits ein erster wichtiger und oftmals erhellender Schritt. Denn auch unsere westlichen Gesellschaften (und auch wir selbst) sind keineswegs gut darin, uns das zu geben, was wir brauchen.
Für die darniederliegenden Ökonomien Lateinamerikas ersonnen, offenbart uns Manfred Max-Neefs Sicht der Dinge tiefe Einsichten auch in die Mängel unserer westlichen Lebenswelten.

Zu erkennen, was wir wirklich brauchen, führt uns unweigerlich zu dem was uns nährt, das uns hält, das unserem Leben Sinn und Fülle gibt. Das ist die Begegnung mit anderen Menschen, mit Tieren, Pflanzen und der Fülle des Lebens, die uns die Erde schenkt. Und der Boden, die Luft, das Wasser, die Meere, die Wälder und Felder, die gemeinsam genutzten Flächen in Dorf und Stadt erlauben uns erst, uns als menschliche Wesen zu entfalten.
In unseren wirtschaftlichen Kreisläufen jedoch fungieren sie als grenzenlose kostenfreie Rohstoffspender und gigantische Abraumhalden. Die Gemeinschaftsgüter, für Jahrtausende die Grundlage des menschlichen Miteinander, sind im Zeitalter kapitalistischen Wirtschaftens nach und nach aus unserer Wahrnehmung entschwunden.

Peter Barnes, ein US-amerikanischer Unternehmer, beschreibt in seinem 2006 erschienen Buch Kapitalismus 3.0 wunderbar, wie es uns gelingen kann, die Gemeinschaftsgüter wiederzubeleben, sie unter den Schutz und die Verwaltung von eigens hierfür ins Leben gerufenen Stiftungen zu stellen und ihre Leistungen in unsere ökonomischen Kreisläufe einzupreisen. Die Einnahmen dieser Stiftungen könnten dann als eine Art Gemeinwesenrente genutzt werden.

Das Ganze ist sehr handfest, keine windige Spekulation, das hat das Zeug zum wahrhaften Neubeginn. Peter Barnes selbst sagt: "Zu Beginn des Kapitalismus war Natur im Überfluss vorhanden, Kapital hingegen war knapp. Folglich war es sinnvoll, Kapital über alles andere zu stellen. Heute jedoch schwimmen wir in Kapital, während unsere natürlichen Ressourcen immer knapper werden. Auch gehen uns viele gesellschaftliche Regelungen verloren, die uns als Gemeinschaften Halt verleihen und unser Leben reicher machen, ohne dass Geld dazu erforderlich wäre. Das heißt nicht, der Kapitalismus sei zum Untergang verurteilt oder nutzlos; es heißt, dass wir ihn verändern müssen. Wir haben ihn an das 21. Jahrhundert statt an das 18. Jahrhundert anzupassen. Und das ist machbar.
Wie aber korrigiert man ein derart unüberschaubares und komplexes System wie das kapitalistische? Und wie kann das mit Würde geschehen, möglichst schmerz- und bruchlos? Die Antwort ist: Man sollte das tun, was Bill Gates getan hat – das Betriebssystem auf den neuesten Stand bringen."

Die Neuorientierung von Politik und Wirtschaft wird sich um die Wiederbelebung unserer wahren Bedüfnisse und des Gemeinwesens drehen müssen, wenn sie erfolgreich sein soll. Von diesen Ansätzen wird auf dieser Seite noch oft die Rede sein. Allesamt Ansätze einer ökologischen Ökonomie, die uns auf den Weg der Fülle bringen.

Was denkt ihr zu den hier vorgestellten Ansätzen? Welche Möglichkeiten seht ihr zur Neugestaltung von Politik und Wirtschaft? Welche Wege stehen uns offen?



Literaturtipps:
Andreas Weber: Biokapital – Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit (Leseprobe)

Peter Barnes: Kapitalismus 3.0 – Ein Leitfaden zur Wiederaneignung der Gemeinschaftsgüter (Das gesamte Buch könnt ihr gleich hier online herunterladen, dank des Engagements der Böll-Stiftung.)

Manfred Max-Neef: Entwicklung nach menschlichem Maß (Vergriffen, derzeit nur über Uni-Fernleihen verfügbar. Ich arbeite allerdings daran, es in naher Zukunft hier online zur Verfügung zu stellen)

Der erste Teil dieses zweiteiligen Beitrags ist unter dem Titel „Das ganze Ausmaß des Wandels“ erschienen.

Kommentare

Möglichkeiten zur Neugestaltung, die ich sehe und erzähle ...

Ich habe 14 Jahre lang Briefe an meinen Vermieter geschrieben, wegen der Konflikte im Wohnhaus. Alle sagten; "Zieh doch um! Du machst dich kaputt und dem Vermieter ist es Schei.egal, was im Wohnhaus passiert, solange er seine Mieten kriegt und die Anderen schweigen!"

"Nein, ich ziehe nicht um; wir können Besseres, als bei Problemen wegrennen, wir können die Kraft nutzen, die in Konflikten steckt, indem wir uns treffen und ich mache weiter, bis das geschieht!"

Tja; Ergebnis der manchmal bis an meine Kraftgrenzen gehenden Anstrengung - es ging um Nachtruhe - im Anschluss an die dann endlich erkämpfte Mediation hat mir mein Sohn die Ausbildung zur Mediatorin, bei der dem eigentlichen Mediator zuvor als Rechtsbeistand mitgeschickten Juristin, geschenkt ...

Hier kann ich endlich ein Mal davon erzählen und das tut nicht nur mir gut, denke ich.
Herzlichen Dank für diese Möglichkeit.
Viele Grüße aus Berlin.
Berthild Lorenz
Mutter und Mediatorin mit Herz und Schnauze ...

Herzlichen Dank!

Lieber Herr Henn,

Ihre Web-Site ist ein weiterer Stein für eine neue Zukunft, für ein neues Bewusstsein. Herzlichen Dank und viel Erfolg damit!

Politik und Wirtschaft sind wahrlich derzeit nur mit Löcherstopfen beschäftigt, so dass der Wandel bei einzelnen Individuen geschehen wird/muss. Eine Frage, die sich somit jeder stellen sollte, ist also: "Was kann ich persönlich dazu beitragen, um den notwendigen Wandel einzuleiten?" Dabei geht es auch darum, nicht mit klagend mit ausgestreckten Finger auf die anderen zu zeigen, sondern wirklich Verantwortung für sich selbst und sein Umfeld zu übernehmen.

Christina Kessler, mit Konzept "amo ergo sum" (ursprünglich bei abbor erschienen) liefert sowohl die philosophische Basis für diesen notwendigen Wandel als auch Ideen zur praktischen Umsetzung. Christina hat in jahrelanger Forschungsarbeit die Essenz der Weisheitstraditionen herausgearbeitet und zu einem neuen, integrativen Ansatz weiterentwickelt. Die Essenz: Liebe ist Kraft der Verbindung. Auch die modernen Wissenschaften erkennen zunehmend, dass "ALLES MIT ALLEM VERBUNDEN IST". In dem holistischen Bewusstsein, dass wir und alles ein Ausdruck der göttlichen Urkraft sind und alles in allem enthalten ist, können wir eigentlich nicht mehr anders, als zum Wohle des Ganzen (was das Wohle der Individuen beinhaltet) handeln. Dann wüssen wir uns nicht krampfhaft an irgendwelchen Konzepten festhalten, sondern dürfen frei unser Leben genießen. "Liebe Gott und tue was Du willst" (Meister Eckehardt (?))

Herzliche Grüße und alles Liebe

Christl Kirmair

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Nähere Details können Sie der Creative Commons Lizenz entnehmen, der dieser Beitrag unterliegt. Urheber: 52 Wege / Dirk Henn

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