Schluß mit Selbsthilfe

Jonathan Mead

Die alte Welt der Selbsthilfe stirbt wie ein langsam fallender Riese.

Diese Welt basierte auf dem Versuch, mit einem alten Paradigma konform zu gehen und immer effektiver darin zu funktionieren. Wenn du die Regale dieser alten Selbsthilfe-Abteilung anschaust, dann findest du Bücher voller Tipps, wie du neue Freunde findest, erfolgreich bist und mehr erreichst.

Die Mehrzahl dieser Bücher wurde geschrieben, um Menschen zu helfen, die sich an eine Welt klammern, die fremd und falsch ist. Anstatt ihr Leben selbst zu bestimmen, haben sie sich damit abgefunden, dass sie nicht ganz sind und Heilung brauchen. Sie begannen also damit, sich selbst zu verbessern, statt ihre eigenen Regeln zu schaffen.

Glücklicherweise vergeht diese Welt, in der wir uns selbst in Ordnung bringen müssen, langsam. Eine neue Bewegung von Menschen, die radikal bejahen, wer sie sind und ein eigenständiges Leben führen, zeigt sich zunehmend als einflussreiche Kraft.

Das laute Zeitalter der "7 Wege, um dein Leben sofort zu verbessern" und "Wie du jeden dazu bringst, deinem Willen zu folgen" nähert sich dem Ende. Und ein ruhiges, selbstbewusstes Zeitalter der Selbstbestimmung gewinnt an Stärke.

Mehr Blogs, Bücher und Kurse als je zuvor beziehen sich auf das Thema der absichtsvollen Gestaltung unseres eigenen Lebens; und in der kulturellen Landschaft ragen sie als Vorboten einer neuen Zeit empor. In was für einer außergewöhnlichen Zeit wir doch leben!

Aber es gibt etwas, das diese Bewegung vergiften könnte, noch bevor sie voll erblüht ist.

Wenn wir erkannt haben, dass ein Leben, das wir selbst gestalten, die bessere Antwort ist, aber dabei blind dem Weg folgen, den viele andere gehen, dann ersetzen wir einfach nur ein Muster mit einem anderen. Und das ist keine Freiheit. Freiheit eröffnet sich erst jenseits der Muster.
Wenn wir dem Rat "Tu was du willst" folgen, aber einfach nur die Ziele anderer nachbeten, hat sich nichts verändert.

Viele Menschen behaupten, dass dieses "Tu was du willst" darin bestünde, die Welt zu bereisen, deinen Job aufzugeben und vielen Wünschen nachzugehen.
Ja, vielleicht würden einige Freiheit so definieren. Aber wir sollten uns selbst tief und ehrlich fragen, was es für uns bedeutet, eigenständig zu leben. Wenn sich das mit den Freiheitskonzepten anderer verbindet, dann sei es so.

Momentan geschieht ein wunderbares Erwachen. Die alte Welt, in der wie uns verändert haben, um uns anzupassen, vergeht; wir sollten sie nicht mit etwas Ähnlichem ersetzen. Lasst uns nicht in einem Weltchor die immergleiche Ballade singen.

Du lebst in einer außergewöhnlichen Zeit. Ja, du kannst tun, was du willst. Nein, nichts Schlimmes wird geschehen, wenn du es tust. Aber du musst entscheiden, was es ist.

Entwirf deine eigenen Regeln. Aber Gott bewahre, richtet dich dabei nicht nach der Schablone der Rebellionskonzepte, die derzeit vor allem online kursieren.

Jetzt bin ich neugierig: Was bedeutet es für dich, eigenständig zu leben?

Dieser Artikel stammt von Jonathan Mead, er wurde erstmals auf seiner Website Illuminated Mind unter dem Titel How the World of Self Help Died (and the new era of living on your own terms) veröffentlicht. Übersetzung: Mike Kauschke.

Kommentare

Charakteristisch für uns Deutsche

Dieses "Arbeite an dir, verbessere dich!", diese Selbsthilfe-Kultur, die auch die Soziologin Eva Illouz schon ganz beeindruckend seziert hat, haben wir Deutsche zwar sicher nicht allein für uns gepachtet, aber typisch ist sie für uns schon, denke ich. Als wenn uns jemand eingeimpft hätte, dass wir lieber Selbstzweifel hegen sollen, als zu selbstbewusst und -bestimmt zu werden und "uns was zu trauen"... Was so tief drinsteckt, kann nur langsam geändert werden. Aber die Tendenz ist ja schon mal positiv.

bin ja ma gespannt,

ob sie wirklich stirbt ...

wäre ja schön :-)

eine Welt von Menschen, die selber leben ...

ich bin aber durch meine Beobachtungen nicht so hoffnungsvoll ...

Zum Glück geht die alte Welt

Zum Glück geht die alte Welt zu Ende und zwar radikal. Demnächst. Hurra!!!!!

Ob die alte Welt der

Ob die alte Welt der hier-wird-Dir-geholfen-Ideologie wirklich stirbt? Ich habe da so meine Zweifel...
In Deutschland lebt eine ganze "Industrie" davon, anderen Menschen zu "helfen"; und damit dieses "Humankapital"l bei der Stange bleibt, dürfen diese "Ratsuchenden" ihr Leben eben nicht selbst bestimmen. Oder sterben etwa Religionen aus, die den Menschen einreden, sie seien schlecht und ihnen sagen, was sie zu tun und zu lassen haben? Mitnichten!
Mein Lehrer hat mir gesagt: "Der beste Seelsorger ist der, der es versteht sich überflüssig zu machen."
Ich hoffe sehr, dass Menschen vermehrt danach fragen, "was es für uns bedeutet, eigenständig zu leben." Begegnungen mit solchen Menschen empfinde ich als berecihernd.
LG

Lieber eine falsche Entscheidung als keine!

Ein Mensch, der in meinem Leben eine wichtige Rolle spielt, hat mir in einer schwierigen Lebensphase zwei wichtige Sätze mitgegeben:

1. Du darfst alles, wirklich alles, im Leben, wenn du bereit bist, dafür die Konsequenzen zu übernehmen!

2. Triff immer Entscheidungen. Lieber eine falsche, als keine Entscheidung. Bei einer falschen kannst du wieder neu reagieren, bei keiner Entscheidung wirst du krank!

... was DU willst ...

Angepasstsein und Rücksichtnahme verhindern die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Und man wird verbittert, weil die Aufgabe eigener Interessen von niemandem anerkannt wird. Viele Menschen haben noch gar nicht mitbekommen, dass andere gar nicht bereit sind, irgend etwas bei anderen zu würdigen. Glücklich sind die Menschen, die anfangen, sich auf sich selbst zu besinnen und sich und seine eigenen Leistungen selber würdigen. Die Zeiten, in denen man nach "mehr, besser, höher, weiter" rief und lebte, sind vorbei. Es kommt die Zeit des "weniger ist mehr", in der man die erreichten Dinge geniesst und würdigt. Der Drang, mehr zu haben oder zu sein, verblasst und dadurch gewinnt das Leben an Qualität. Es geht um die Bewusstwerdung des JETZT und der Freude am Dasein.

Ich hab's getan ....

Nachdem ich 20 Jahre nach den Regeln der anderen gelebt, und meine Regeln außer acht ließ, kam vergangenes Jahr das wiedererwachen. Meine Kinder haben mein Herz wieder geöffnet. Ein Herz für ein harmonisches Universum. Ein Herz das mit dem Einklang der Natur steht. Zurück zu den Ursprüngen, gekoppelt mit einem Projekt, an dem alle partiziieren sollen. Es würde mich freuen viele gleichgesinnte zu finden, zu treffen, für ein harmonisches Miteinander nach eigenen Regeln. Ich hab's getan und freue mich über jede/n der es auch tut, und uns dabei unterstüzt. Wi freuen uns auf euch .....

Stirbt die alte Welt wirklich?

Nein, sie verändert sich und das ist gut so.

So eigenständig wie heute konnte der Mensch - zumindest in Deutschland - noch nie leben. Häufig habe ich den Eindruck, dass meine lieben Mitmenschen mit dieser Freiheit nichts anfangen können.

"Tu was du willst",

bedeutet für mich nicht, stundenlang vor dem TV zu sitzen und mir das Leben aus der zweiten Hand anzusehen. Ich habe zwar einen Fernseher, aber der staubt schon lange Zeit ein.

heißt für mich auch nicht, unkritisch allen gesellschaftlichen Strömungen zu folgen.

Ich kann nur das tun, was ich will, wenn ich weiß was ich will. Und das ist in erster Linie mit einer manchmal auch unangenehmen Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebenskonzept verbunden.

Für mich persönlich bedeutet Eigenständigkeit, wenn ich z. B. mit wenigen Dingen auskomme und nichts vermisse. Dadurch bin ich weitestgehend zuabhängig und muss mich z. B. in der Arbeit nicht mehr oder weniger prostituieren, sage häufig nein und überlasse Aufgaben, die auf die Karriereleiter nach oben führen, gern den Kolleginnen und Kollegen.

Gruß
Ramona

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