Buddhismus und Ökologie

Wir müssen kein Leben leben, das uns verkauft wird.
Wiir können die mutige Wahl treffen, einfach zu leben.

Ogyen Trinley Dorje, Karmapa VXII

Ich wurde in eine tibetische Nomanden-Familie geboren und verbrachte meine ersten Lebensjahre im wilden Ostteil von Tibet. Es war ein einfaches Leben und meine tägliche Freude bestand darin, zusammen mit meiner Lieblingsziege die nahen Berge zu erkunden. Ich war glücklich, ich konnte wilde Tiere wie das Große Tibetschaf und den Weißlippenhirsch sehen – ganz aus der Nähe – und manchmal sah ich Herden von tibetischen Wildeseln über das Weideland rennen.

Als ich vier oder fünf Jahre alt war, gab es eine große Dürre und die örtliche Quelle in unserem Camp begann auszutrocknen. Weil man mich für ein ungewöhnliches Kind hielt (obwohl zu der Zeit niemand wusste, dass ich später als der 17. Karmapa erkannt werden würde), bat unsere Gemeinschaft meinen Vater, mich darum zu bitten, ein Bäumchen bei der Quelle zu pflanzen. Ich erinnere mich, Gebete geleitet zu haben mit dem Bestreben, dass dieser Baum helfen möge, alle Lebewesen in der Nähe mit Wasser zu versorgen. Obwohl ich keine Ahnung hatte, dass ich etwas für die „Umwelt“ tat oder was Wassereinzugsgebiet bedeutete, erwuchsen meine Naturliebe und mein Einsatz für den Umweltschutz aus diesem Samen.

Als ich heranwuchs und buddhistische Philosophie und Lehren zu studieren begann, entdeckte ich, dass sich Buddhismus und Umweltbewegung in vielerlei Hinsicht entsprechen. Die Betonung biologischer Vielfalt, Ökosysteme eingeschlossen – insbesondere das Verständnis, dass belebte und unbelebte Wesen Teile des Ganzen sind – steht in großem Einklang zur Betonung der Bedeutung wechselseitiger Abhängigkeit im Buddhismus. Die Essenz des Buddhismus liegt in der Einheit von Mitgefühl und Leerheit: Dem tief empfundene Engagement, um das Leiden aller Lebewesen zu lindern und das Verständnis, dass alles frei ist von Eigennatur. Diese beiden Hälften eines philosophischen Ganzen sprechen besonders zu den Zielen der Umweltbewegung. Lassen Sie mich erklären, was ich damit meine.

Das erhabenste Beispiel, das Buddhisten benutzen, um Mitgefühl zu erklären, ist die Mutterschaft. Denken Sie an alles, was ihre Mutter seit der Zeit Ihrer Empfängnis vielleicht für Sie auf sich genommen hat – die neunmonatige Schwangerschaft, das Erleben der Mühen von Arbeit und Geburt, sie hat Sie ernährt und gekleidet, auf all Ihre Bedürfnisse geachtet und sie war besorgt um Sie, selbst als Sie bereits erwachsen wurden. Die meisten Mütter hören nie auf, bedingungslos für ihre Kinder zu sorgen. Gleich, ob man an Wiedergeburt glaubt oder nicht, man kann mutmaßen, dass alle Lebewesen wie Mütter für uns sind.
Die Nahrung, die beim Abendessen vor uns erscheint, wurde angebaut, verpackt und vorbereitet von Menschen, die wir wahrscheinlich nicht kennen. Unsere Kleidung, die wir tragen wurde von Menschen hergestellt, die wir wahrscheinlich nie treffen. Dennoch profitieren wir von ihren Hoffnungen, Träumen und ihrer Arbeit. Pflanzen, Tiere und Rohstoffe – sie alle sind benutzt worden, um uns mit diesen Dingen zu versorgen. Dies ist die wechselseitige Abhängigkeit, die das Leben kennzeichnet – kein einziges Ding besteht allein aus sich heraus oder kann allein überleben. Wir sind alle Teil einer Weltökologie und die Welt ist ungeheuer mitfühlend mit uns.

Im Gegensatz dazu kann Leerheit am besten am Beispiel des Selbst erklärt werden. Was stellen wir uns vor, wenn wir ans Selbst denken? Wo genau hält sich das Selbst auf? Ist es im Herzen oder im Gehirn? Im Einatem oder im Ausatem? In der Bewegung unserer Gliedmaßen? In unserer Interaktion oder Beziehung mit anderen? Das Selbst unterscheidet sich sehr, je nachdem ob wir 15 oder 25 Jahre alt sind. Weil es vergänglich und ungreifbar ist, ist das Selbst leer jeder innewohnenden Eigennatur. Und weil dies so ist, sind unser Glück, unsere Trauer, unser Erfolg und unsere Misserfolge auch in ihrem Wesen leer. Das bedeutet nicht, dass wir nichts sind, aber wir sind ständig in Bewegung, nehmen auf, geben ab. Folglich brauchen wir unseren Erfahrungen nicht mit großem Anhaften zu begegnen und können Gleichmut in Bezug auf alle Phänomene entwickeln. Gleichmut stellt uns Mittel bereit, die uns von der Idee eines Selbst und seiner Wichtigkeit befreien, indem wir die künstliche Unterscheidung zwischen selbst und anderem aufgeben und einfach nur Teil aller Phänomene überall sind.

Wie bezieht sich dies auf die Umwelt?
Dem Buddhismus zufolge sind Unwissenheit über die leere Natur des Selbst und das Ablehnen von Mitgefühl die Wurzel von Egoismus, Ärger, Anhaften und Gier. Aus Unwissenheit haben Menschen die Umwelt zerstört und treiben so viele Arten zum Aussterben. Unwissenheit lässt uns dem Selbst und allem damit verbundenem enorme Bedeutung zuschreiben; meine Familie, mein Besitz, mein Land und sogar meine Rasse. Die Vielfalt der Welt durch die beschränkte Sicht des Selbst zu betrachten bedeutet, dass wir der Erde unbekümmert großen Schaden zufügen können, weil Erde zu „anderem“ geworden ist.

Buddhisten glauben, dass Unwissenheit der Grund dafür ist, dass menschliches Leben nicht mehr im Einklang mit der Natur steht. Es ist eine bedauerliche Tatsache, dass sich durch den Klimawandel die Temperatur der Tibetischen Hochebene schneller erhöht als die der meisten anderen Orte der Welt. Ich weiß, dass das ernste Folgen für Tibets weite Steppen haben wird und es betrübt mein Herz, das dies das Ende des tibetischen Nomadenlebens bedeuten kann. Desweiteren wurde mir gesagt, dass die ganze Welt in Gefahr ist, wenn die globale Durchschnittstemperatur um mehr als 2°C steigt. Insbesondere die Landwirtschaft wird ruiniert. Allein schon in Indien kann dies bedeutende Ertragseinbussen von Reis, Weizen und Hülsenfrüchten zur Folge haben, die die Grundlage indischer Ernährung sind.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Tibetische Hochebene werden nicht isoliert geschehen. Tibet ist der Geburtsort Asiens großer Flüsse: des Indus, Ganges, des Brahmaputra, des Irrawaddy, des Yangtse und des Mekong. Tibet wird manchmal der dritte Pol genannt, weil es nach der Arktis und Antarktis das meiste Eis beherbergt. Wenn seine Wasserquellen kontaminiert werden, hat das verhängnisvolle Konsequenzen für mehr als eine Milliarde Menschen. Wenn der Gletscherschwund zunimmt und die Temperaturen steigen, werden in der nahen Zukunft sowohl Überflutungen als auch Wasserknappheit zunehmen. Unsere Kurzsichtigkeit macht uns blind für die Beziehung zwischen unseren Aktivitäten und ihren langfristigen Folgen. Der große Schwung der ökonomischen Entwicklung der letzten fünfzig Jahre war möglich aufgrund der rasanten Nutzung der fossilen Brennstoffreserven der Erde. Die darin verborgenen versteckten Kosten haben sich angehäuft und werden von denen getragen, die sich am wenigsten schützen können. Früher oder später werden wir alle den Preis zu zahlen haben.

Der Abstand zwischen reich und arm ist größer denn je; Befürworter des Wirtschaftswachstums scheinen die Armen vergessen zu haben, um den Wohlhabenden Gewinne zu verschaffen. Zudem sind biologische Vielfalt und Umweltschäden gleichermaßen in vielen ärmeren Teilen der Welt am größten. Kann das ökonomische Entwicklungsmodell unsere kostbaren Naturschätze schützen oder regenerieren? Können wir Naturschätze nur ausleihen und sie künftigen Generationen zurückgeben? Wenn nicht, berauben wir die Erde ihrer Reichtümer und nennen unser Handeln wirtschaftliche Entwicklung.

Die gegenwärtige Weltwirtschaft scheint ein fruchtbarer Baum immenser Reichtümer zu sein. Wir bewundern viele Äste und seine schimmernden grünen Blätter und glauben, es sei der beste Baum der Welt. Aber wir blicken nur auf seine obere Hälfte, weil die untere Hälfte unter der Erde verborgen bleibt. Wenn wir unter die Oberfläche blickten, fänden wir vielleicht heraus, dass die Baumwurzeln aufgrund von Misshandlung und Vernachlässigung absterben. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bevor dieser Zustand die obere Hälfte des Baumes erreicht. Die Äste und Blätter zu behandeln ist bloß eine kurzfristige Lösung; solange wir nicht sicher stellen, dass die Wurzeln gesund sind, können wir uns auf die Gesundheit des Baumes nicht verlassen. Deshalb schätze ich das Konzept nachhaltiger Entwicklung sehr, das von der World Commission on Environment and Development 1987 definiert worden ist als „die Bedürfnisse unserer gegenwärtigen Generation erfüllen, ohne die Fähigkeit künftiger Generationen zu beeinträchtigen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.“ Schlussendlich, wenn sich das Konzept der Wiedergeburt als wahr herausstellt, sind wir die künftige Generation.

Ich finde große Freude und Vergnügen am menschlichen Geist. Ideen können eine unermessliche Kraft entfalten. Denken wir an das Konzept der Menschenrechte: Eine einfache Idee hat unglaubliche Widrigkeiten überwunden – totalitäre Regime, Krieg und Armut – um ein universelles Ideal zu werden. Und dennoch waren Menschenrechte vor hundert Jahr bloß ein Ideenneuling. Ich glaube eine ähnliche Revolution in unserem Denken muss in Bezug auf den Schutz der Umwelt stattfinden, die Bewahrung biologischer Vielfalt eingeschlossen. Es sollte Rechte für wilde Tiere, die Ökosysteme und selbst für die Dienstleistungen der Natur (wie zum Beispiel intakte Wasserkreisläufe) geben.

Ich unterstütze dankbar die weltweiten Verträge zum Schutz von Arten und Ökosystemen, Vereinbarungen über gemeinsame Standards der Umweltsicherheit, ebenso fortwährende Bemühungen zur Minimierung menschenverursachter Änderungen des Erdklimas. Im Herzen jeder dieser Initiativen steht die aufrichtige Motivation weniger Einzelner, die ihr Leben diesen Anlässen gewidmet haben. Diese Individuen geben mir die größte Hoffnung, denn wenn wir auf der Welt einen Wandel bewirken wollen, müssen wir mit uns selbst beginnen. Es ist unrealistisch, die Veränderung in der „übrigen Welt“ zu verorten und zu erwarten, dass jedermann zuhört ohne selbst das Beispiel zu sein und dementsprechend zu leben.

Wenn es so etwas gäbe, wie einen „buddhistischen Heiligen der Ökologie,“ würde ich den großen indischen Gelehrten Shantideva nominieren, der im achten Jahrhundert in seiner Bodhicharyavatara schrieb:

Mögen alle Wesen überall,
Geplagt von Leiden des Körpers und des Geistes,
Einen Ozean des Glücks und der Freude erlangen
Durch die Tugend meiner Verdienste.

In diesem Vers entscheidet sich Shantideva, sein Leben der Linderung des Leidens anderer zu widmen, gegründet in seiner Einsicht in die verflochtene Natur des Lebens. Wenn wir akzeptieren, dass wir keine isolierten Individuen sind sondern vielmehr ein Ganzes, das von allem Leben auf Erden durchdrungen ist, können wir nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem Leiden und den Krankheiten, die hier entstehen. Dieses Verständnis, Mitgefühl für alle Lebewesen zu entwickeln und diese Motivation in Handeln umzusetzen ist das Umweltbewussteste, was wir tun können.

In den letzten hundert Jahren, sind 95% aller wilden Tiger der Erde verschwunden. Da das Ausmaß menschlicher Bedürfnisse weiterhin zunimmt, haben wir mehr und mehr von der Natur genommen und anderen Tieren immer weniger gelassen. Der prachtvolle Tiger allerdings ist fast völlig verschwunden, weil Konsumenten sein Fell und seine Körperteile haben wollen. Wir treiben Arten in die Ausrottung, einfach nur weil wir glauben, Felle zu tragen lasse uns wohlhabender aussehen oder der Konsum von Tigerteilen werde uns gesünder machen. Solches zu tun ist im Wesen unbuddhistisch und ohne Mitgefühl – nicht nur für den Tiger, sondern auch für uns selbst, weil dieses Handeln mit negativen karmischen Folgen für uns verbunden ist.

Mitgefühl für die „anderen“ – ob Menschen, Tierarten, Bäume, andere Pflanzen und für die Erde selbst – ist das Einzige, was uns letztlich als Menschen retten wird. Die meisten Menschen sorgen sich vorwiegend um ihre Arbeit, ihren Wohlstand, ihre Gesundheit oder ihre Familie. Im Alltag haben sie wahrscheinlich das Gefühl, dass sie sich um Dringenderes kümmern müssen als ihren ökologischen Fußabdruck. Wenn Sie diesem Thema Beachtung schenken, würde das natürlich bedeuten, dass sie unangenehme Entscheidungen treffen und ihr Leben ändern müssen. Da geht es mir nicht anders. Obwohl ich viele Jahre lang erwogen hatte, kein Fleisch mehr zu essen, wurde ich erst vor einigen Jahren völliger Vegetarier. Jemand führte uns einen kurzen Dokumentarfilm vor, der zeigte, wie Tiere vor und während der Tötungsaktes leiden. Beim Zusehen konnte ich die Angst spüren, die die Tiere empfinden. Wie vom Donner gerührt wurde mir bewusst, dass diese Lebewesen so sehr litten, einfach um meine gewohnten Vorlieben zu befriedigen. In diesem Augenblick wurde Fleischverzehr für mich untragbar und so hörte ich auf.

Es bleibt die offene Frage: Wann wird der Augenblick der Untragbarkeit für uns alle kommen? Werden wir erlauben, dass die See ansteigt und die Pazifischen Inseln bedeckt und der Himalaya zu blankem Fels wird? Lassen wir erstaunliche Arten von Wildtieren aussterben und nurmehr zu einer Geschichte werden, die man sich in künftigen Generationen erzählt? Sollen blühende Wälder zu Farmland werden, um unser unendliches Verlangen zu stillen? Sollen wir mit ständig wachsenden Abfallbergen leben, weil wir unfähig sind, die Folgen des Konsumverhaltens zu bewältigen?

Damit die Gesellschaft die Umweltprobleme des 21. Jahrhunderts erfolgreich in Angriff nimmt, müssen wir diese Probleme mit den persönlichen Entscheidungen verbinden, die wir Menschen alltäglich treffen. Wir können uns nicht bloß mit den politischen und wissenschaftlichen Aspekten von Problemen wie Klimawandel, intensiver Ausbeutung von Bodenschätzen, Entwaldung und Handel mit Wildtieren beschäftigen. Wir müssen uns mit den sozialen und kulturellen Aspekten dieser Probleme befassen, indem wir menschliche Werte wecken und eine Bewegung für Mitgefühl schaffen, so dass es unsere innerste Motivation ist, Umweltschützer zu werden, zum Wohle aller Lebewesen.

Um das zu tun ist die erste und wichtigste Aufgabe, jeden in die Lage zu versetzen, die Umwelt zu schützen. Ich komme aus einer Gegend Tibets, die bereits von Menschen aus Lhasa als rückständig betrachtet wird, vom Westen ganz zu schweigen. Meine Familie lebte unter Bedingungen, die viele als rauh und unentwickelt empfänden. Und dennoch wusste mein Vater, der nie eine Schule besuchte, von seinem Vater, dass man Bäumen pflanzen soll, wenn man eine Quelle schützen will. Ich denke wir werden merken, dass Eingeborene, die der Natur am nächsten leben, oft unsere größten Verbündeten sind im Versuch sie zu schützen. Wenn wir die Erde retten wollen, muss jeder Einzelne von uns seinen Part spielen. Wir müssen die Barrieren niederreißen und Brücken bauen. Für wen versuchen wir schließlich die Welt zu retten, wenn nicht für uns alle?

Zweitens ist es entscheidend, dass wir Wege finden, unseren Energieverbrauch zu minimieren oder zumindest sichere Alternativen zu Kohle, Öl und Gas zu finden. Eine der einfachsten Dinge, die man tun könnte, wäre es, Solarenergie und andere sichere alternative Energietechnologien billiger zu machen. Mein Kloster in Tibet, Tsurphu, hat den Vorteil, nahe an geothermalen Quellen zu liegen, die wir für die Energiegewinnung nutzen. Jetzt, wo ich in Indien bin, sind wir bestrebt, alle unsere Karma-Kagyü-Klöster hinsichtlich des Energienutzung autark zu machen. Es wäre wundervoll, mit Gewissheit sagen zu können, dass wir buddhistischen Mönche und Nonnen nicht zu den Umweltproblemen beitragen. Vielleicht werden sich eines Tages auch Länder an diesen Standards messen.

Drittens lade ich alle Gelehrten und Praktizierenden ein, die Tibetische Hochebene, die ein Großteil des asiatischen Festlands mit Wasser versorgt, schützen zu helfen. Weil Wasser in dieser Region noch kein Preisschild hat, halten wir diese kostbarste Ressource und ihre Quelle für selbstverständlich. Der Yarlung Tsangpo (Brahmaputra) ist bereits stark bedroht durch Staudämme und der Sengye Tsangpo (Indus) erreicht das Meer nicht mehr. Als der Dritte Pol ist Tibet durch Klimawandel äußerst verletzbar und was dort geschieht betrifft das übrige asiatische Festland in hohem Maße.

Viertens sollten wir gemeinsam neu beurteilen, was wir mit Erfolg meinen, ob es wirtschaftlicher Erfolg, Entwicklung oder persönlicher Wohlstand ist. Das derzeitige Modell von Wirtschaftswachstum ist einfach unerreichbar für die große Mehrheit der Welt, die im täglichem Überlebenskampf steht. Wenn wir Werten wie Teilen, Mitgefühl und Frieden den gleichen Wert beimessen würden wie Wohlstand und sozialem Status, würden wir alle nach einer Art von Erfolg streben, der Gemeinschaft auf natürliche Weise einschließt und ermöglicht.
Wir müssen gesunde und ganzheitliche Alternativen zu unserem Alltagsverständniss davon, was Entwicklung und Erfolg sind, entwickeln. Alternativen, die wir alle gemeinsam anstreben können.

Abschließend glaube ich, dass die ganze Zukunft des Lebens auf Erden von denen unter uns abhängt, die privilegiert sind, einfacher zu leben.
Einfach zu leben bedeutet, mitfühlend zu uns selbst und der Welt zu sein. Ein Leben voller materieller Güter und kargem Mitgefühl ist aus ökologischer und karmischer Sicht sehr wenig nachhaltig. Natürlich sagt uns die Werbung immer, dass der Weg zum Glück im Erwerb der Waren liegt, die sie preist. Wie kommt es, dass die Werbung uns überzeugt, selbst wenn wir ihrer Botschaft gegenüber skeptisch sind? Unser Haften am eigenen Glück, an Besitztümern und am Selbst bewirkt einen Mangel an Weitblick und macht uns anfällig. Wenn wir jedoch achtsam für die Leerheit des Selbst sein können, können wir anstelle gewohnheitsmäßigen Konsumverhaltens Raum für eine Wahl schaffen. Wir müssen kein Leben leben, das uns verkauft wird – wir können die mutige Wahl treffen, einfach zu leben.

Allen Weltreligionen liegen dieselben Grundprinzipien zugrunde.
Lebe einfach. Handle mit Mitgefühl. Seid gütig miteinander.
Nirgends sagt eine Religion, dass wir das Eigentliche, das uns Leben gibt, zerstören sollten. Also, ich bin ganz zuversichtlich wenn ich sage, dass wir aus einer religiösen Sicht alles Leben bewahren und die Erde schützen müssen. Was mich betrifft, so geben mir die Lehren von Fürst Buddha Inspiration, die uns im Kern unterweisen, dass wir zum Wohle alles Lebenden wirken und aufhören ihnen zu schaden, und seine Heiligkeit der Dalai Lama, der gesagt hat, dass der Schlüssel zum menschlichen Überleben universale Verantwortung ist.

Shantidevas Führer zum Leben eines Bodhisattva wird weiterhin sorgfältig von den heutigen Mahayana- und Vajrayana-Buddhisten studiert. Die Bodhisattvacharyavatara legt den Pfad zur Buddhaschaft durch die Bildung von Mitgefühl und die Einsicht in Leerheit in Form erleuchteter Verse dar und gibt allen Inspiration, die ihren eigenen Begierden und Ehrgeiz entsagen möchten, um allen Lebewesen wohl zu tun.

Als der 17. Karmapa bin ich zuversichtlich, dass solches Buddhawirken direkt in Umweltschutz übersetzt werden kann. Diese Vision teilen nun 40 Kagyü-Klöster im ganzen Himalaya. Sie setzen Umweltprojekte um, um Fragen wie Waldvernichtung, Wasserknappheit, Handel mit Wildtieren, Klimawandel und Luftverschmutzung zu beantworten, angeleitet von Nichtregierungsorganisationen unter Beteiligung des World Wildlife Fund. Wir wissen, dass dies bloß ein Tropfen im Ozean ist und die Herausforderungen, denen wir gegenüber stehen, sind so komplex und weitreichend, dass wir sie nicht allein lösen können. Wenn jedoch jeder von uns einen einzigen Tropfen sauberen Wassers zum Umweltschutz beitragen würde – stellen Sie sich vor, wie weit der Ozean schließlich reichen könnte.

Dieser Beitrag ist eine Rede, die der Karmapa auf der 23. Mind & Life Conference gehalten hat. Er wurde online in englischer Sprache auf der Website von ecobuddhism.org erstmals unter dem Titel Talk at 23rd Mind & Life conference -
Ecology, Ethics & Interdependence
veröffentlicht. Der Beitrag wurde erstmals in der Zeitschrift Conservation Biology, Volume 25, Issue 6, pp 1094–97, December 2011 veröffentlicht.
Übersetzung: Franz Lüke. Lektorat: Dirk Henn.

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